Berlin - In vielen Branchen ist der Mangel an Fach- und Führungskräften bereits spürbar. Und der demografische Wandel wird die Probleme weiter verschärfen. Daher haben Unternehmen ein starkes Interesse daran, Frauen fitzumachen für die Chefetage - auch ohne eine durch die Politik festgelegte Quote. Dazu gibt es bereits viele Ansätze.

„Es wird jede Fachkraft gebraucht, auch Frauen“, sagt Edeltraud Vomberg, die das Institut für Forschung und Entwicklung in der Sozialen Arbeit der Hochschule Niederrhein leitet. Vomberg und ihr Team haben untersucht, welche Bedingungen die Karriere von Frauen positiv beeinflussen.

Sie konnten belegen, dass Frauen vor allem dann den nächsten Karriereschritt gehen, wenn sie langfristig eine Perspektive bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sehen. „Frauen wollen wissen, was auf sie zukommt und ob sich der Karriereschritt lohnt“, sagt Vomberg. Wer Frauen in die Führungsetage bringen wolle, müsse bereits zu Beginn der Karriere belegen können, dass Privatleben und Beruf miteinander vereinbar sind.

Bei technologiegestützten Unternehmen fängt die Werbung um weibliche Talente häufig schon in der Schule an. So auch beim Mainzer Glashersteller Schott AG, beim Messgerätehersteller Endress+Hauser in Maulburg oder bei der Carl Zeiss AG. Sie alle wollen bewusst mehr Frauen in technische Berufe bringen und unterstützen Initiativen wie den Girl s Day und kooperieren mit lokalen Schulen.

Schott ist auch im rheinland-pfälzischen Ada-Lovelace-Projekt aktiv, einem Mentorinnen-Netzwerk, das Mädchen und junge Frauen für Technik und Naturwissenschaft begeistern will. Insgesamt liegt der Frauenanteil bei Schott bei 20 bis 30 Prozent, schätzt Claudia Müller, zuständig für das Personalmarketing: „Wir beschäftigen vor allem Ingenieure, und die Zahl der weiblichen Absolventinnen ist entsprechend gering.“


Viele Unternehmen arbeiten daran, wie sich Job und Familie besser miteinander vereinen lassen. Es gibt Betriebs-Kitas, Kooperationen mit lokalen Kindertagesstätten, flexible Arbeitszeitmodelle, Elternzeit, Unterstützung pflegender Angehöriger oder Ferienbetreuung für Schulkinder. Aber reicht das, um den Frauenanteil zu erhöhen?

„Bei vielen männlichen Führungskräften sind Gleichberechtigung und Vereinbarkeit von Beruf und Familie angstbesetzt“, weiß Dagmar Weßler-Poßberg, Projektleiterin für Landeskoordinierung Frau und Beruf in NRW an der Hochschule Niederrhein. Ihnen fehle bei der praktischen Umsetzung häufig die Unterstützung durch die Chefetage. Viele Unternehmen täten sich noch immer schwer, Frauen auf allen Ebenen zu integrieren, weil „zu viele Fragen offen bleiben“.

Für das Praxisprojekt „INNOVATIV! Gemeinsam Führen mit Frauen“ hat Weßler-Poßberg zwei Jahre lang Firmen bei der Umsetzung von Chancengleichheit begleitet. Sie kennt die Fragen vieler Führungskräfte: Kann ich meine Abteilung noch stemmen, wenn mehrere Mitarbeiter gleichzeitig in Erziehungsurlaub gehen? Was sind die Folgen, wenn eine Mitarbeiterin als pflegende Angehörige ihre Arbeitszeit reduziert oder mehr Kollegen im Homeoffice arbeiten wollen? „Wer seine Führungskräfte mit diesen Fragen alleine lässt, tut sich schwer bei der Erhöhung des Frauenanteils“, betont die Wissenschaftlerin.

Frauen den Weg in Führungspositionen zu ebnen, ist auch das Ziel von Initiativen wie „Women at PwC“, einem Frauennetzwerk der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers mit speziellen Trainings und individuellen Coachings. Auch Cross-Company-Mentoring-Programme, wie sie der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport AG oder die Lufthansa bieten, haben das Ziel, Frauen bis in die oberen Etagen zu bringen.

Die Airline bietet diese Förderung nach eigenen Angaben bereits seit 1999 für „ambitionierte Frauen“ an. Sie setzt dabei auf die Vernetzung von weiblichen Talenten und erfahrenen externen Führungskräften. Die Teilnehmerinnen werden für ein Jahr von einem Mentor aus einem der anderen Unternehmen begleitet. In vielen vertraulichen Gesprächen gehe es etwa um Fragen der Karriere, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder die Positionierung im Unternehmen. Frauen und Männer, so die Idee, sollen dabei lernen - voneinander und miteinander.