Oldenburg - Die Unsicherheit ist oft groß. Soll ich den Blinden über die Straße führen? Hilft es dem Rollstuhlfahrer, wenn ich ihn schiebe? Darf ich einen Menschen mit Behinderung auf die Ursache ansprechen?
Hilfsbereite Menschen machen sich mitunter viele Gedanken, manchmal zu viele, sagen Menschen, die es wissen müssen. Wer freundlich seine Unterstützung anbietet, kann kaum etwas falsch machen, versichern Gisela Hirschberger, Vorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Oldenburg, sowie die Rollstuhlfahrerinnen Wiebke Hendeß, Behindertenberaterin an der Uni Oldenburg, und Constanze Schnepf, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle Ibis in Oldenburg. Alle drei wissen aber, dass es im Miteinander zwischen Behinderten und Nicht-Behinderten schwierige Situationen gibt. Ihre Erfahrungen sollen zu einer entspannten Begegnung ermutigen.
Das hilft
Für blinde und stark Sehbehinderte Menschen gilt: „Wer einen Menschen mit Armbinde oder weißem Stock sieht, sollte Hilfe anbieten“, sagt Hirschberger. Wird diese gewünscht, räumt die Frage „Wie möchten Sie geführt werden?“ eventuelle Unsicherheiten aus dem Weg. Dabei gehe es gar nicht allein um die praktische Seite. „Es tut auch einfach gut, die Aufmerksamkeit anderer Menschen zu spüren“, so die 67-Jährige, die vor 17 Jahren erblindete. Ganz wichtig sei im Umgang mit blinden Menschen, dass man sie keinesfalls ohne Vorankündigung anfasst. Das gelte auch in Situationen, in denen Hilfe häufig durchaus willkommen sei, beispielsweise beim Ein- und Aussteigen am Bahnsteig. Für Menschen im Rollstuhl bestätigt Schnepf: Vor dem Schieben sollte der Helfer fragen. „Einfach schieben ist wie schubsen.“
Bei aller Hilfsbereitschaft muss klar sein: Der Behinderte allein entscheidet, ob er den Beistand benötigt. Und niemand sollte beleidigt sein, wenn er freundlich abgelehnt wird.
Eine große Erleichterung für Menschen mit Behinderungen ist ganz einfach zu haben: ein bisschen Geduld aufbringen, wenn es beispielsweise an der Rolltreppe oder an der Supermarktkasse nicht ganz so schnell geht. Dass man an der Bushaltestelle beim Ausklappen der Rampe behilflich ist, sollte ebenso selbstverständlich sein wie das Freihalten von Behindertenparkplätzen.
Einen Augenblick abwarten, abwägen, ansprechen. Das ist – außer natürlich bei akuter Gefahr – der Königsweg. Viele Menschen mit Behinderung haben ihre eigene Strategie, wie sie zurechtkommen, zum Beispiel ihre Jacke anziehen. „Das sieht manchmal mühsam aus, klappt aber ganz gut“, sagt Hendeß.
Im Kern gehe es darum, die Selbstständigkeit zu respektieren, und auch „die Energie, die der Betreffende da reinsteckt“, sagt Schnepf. Bei aller Dankbarkeit könne es sonst durchaus auch frustrierend sein, wenn etwa der Knopf im Fahrstuhl fast aus eigener Kraft erreicht ist, und dann kommt ein wohlmeinender Helfer ganz flink zuvor.
Im Zweifelsfall fühlt sich die ehrliche Ansage „Ich bin gerade ein bisschen unsicher, ob Sie Hilfe brauchen“ für beide Seiten am besten an.
Das nervt
Was gar nicht gut ankommt, sind unvermittelte Nachfragen oder Kommentare von Unbekannten. Zwei Frauen fragten Gisela Hirschberger beispielsweise im Bus: „Haben sie auch Makula? Das haben doch jetzt viele.“ Ihnen machte die ansonsten sehr offene Interessenvertreterin der Blinden klar, dass die Frage nach etwas so Persönlichem unter Fremden tabu ist. Auch Wiebke Hendeß kennt die taktlosen Sprüche. In dem Buch „Kann man da noch was machen?“ der Rollstuhlfahrerin Laura Gehlhaar findet sie ihre Erfahrungen wieder. Zum Repertoire der Rüpel gehören Sätze wie „So hübsch und dann im Rollstuhl!“ oder „Kannst du Sex haben?“.
Besonders ärgerlich sei die Distanzlosigkeit, wenn dabei Mitleid mitschwingt. „Ich würde mir wünschen, dass die Behinderung nur als ein Merkmal von vielen wahrgenommen wird“, kritisiert Hendeß, dass manche Menschen sie auf ihren Rollstuhl reduzieren. Dabei ist die 45-Jährige nicht nur seit vielen Jahren als professionelle Sexualberaterin tätig, sie singt im Chor, tanzt viel, spielt Doppelkopf, liebt die Natur und geht gern ins Kino. In dem Dokumentarfilm „Love & Sex & Rock’n’Rollstuhl“ ist sie in einer Hauptrolle zu sehen.
Wie weh die oberflächliche Wahrnehmung tun kann, weiß die Behindertenberaterin aus Gesprächen mit Asperger-Autisten. „Sie finden es ganz schlimm, wenn man alle über einen Kamm schert nach dem Motto: Ihr seid doch alle soundso.“ Schließlich sei jeder von ihnen ein Individuum. In die Kategorie des ärgerlichen Schubladen-Denkens fielen auch Kommentare wie „Den musst du doch kennen, der sitzt doch auch im Rollstuhl“.
Dass Bedauern entbehrlich ist, bestätigt Gisela Hirschberger: „Wir brauchen kein Mitleid, sondern ab und zu zwei sehende Augen und eine helfende Hand.“ Und Constanze Schnepf sagt: „Ich kenne wenige Menschen mit angeborenen Behinderungen, die darüber unglücklich sind.“
Das sind schöne Momente
Kinder wissen, wie es geht. Sie kennen noch nicht die Angst, etwas falsch zu machen, gehen ganz unbedarft an ihre Mitmenschen ran. Eine herzerwärmende Begegnung hatte Wiebke Hendeß in der Sauna. Das Abkühlbecken war für sie schwer erreichbar. Ein etwa elf Jahre alter Junge fragte sie: „Möchten sie was?“ und reichte der nackten Unbekannten Eis.
Wie erfrischend unbefangen Kinder sind, können viele Menschen mit Behinderungen bestätigen. Constanze Schnepf bekommt manchmal mit, dass Eltern ihren Nachwuchs zurechtweisen: „Guck da nicht hin.“ Dabei möchte die 43-Jährige, dass Kinder sie anschauen, keine Angst vor ihr und ihrem Rollstuhl haben. Gerne erklärt sie, wie der E-Rolli funktioniert, führt die Hupe und die Lampen vor. Bei ihrem Wunsch nach einer Welt ohne Berührungsängste übernimmt sie als erste positive Begegnung gern die Rolle der Wegbereiterin.
Die Zeiten des peinlich berührten Wegschauens sind jedoch vorbei, meint Hirschberger. Viele Eltern seien ganz entspannt. Auf die Frage „Was macht die Frau da mit dem weißen Stock?“ freute sie sich über die Antwort eines Vaters „Komm, wir fragen mal“.
Manche positiven Erlebnisse brennen sich ein. Hirschberger erinnert sich immer wieder gerne an einen Lkw-Fahrer, der an einer Kreuzung in Oldenburg seinen Laster stoppte, um sie vor einem Pulk Radfahrer zu warnen. „Ich habe mich von ihm über die Straße bringen lassen, obwohl ich die Hilfe eigentlich gar nicht benötigt hätte.“ Aus Dankbarkeit und „damit er auch dem nächsten Blinden Hilfe anbietet, der sie vielleicht tatsächlich braucht.“
Kleiner Ratgeber für den Umgang mit blinden Menschen
Ein großes Lob spricht die Vorsitzende des Blindenverbandes den Busfahrern der VWG in Oldenburg aus, die ganz selbstverständlich per Funk die Kollegen informieren, wenn beim Umsteigen Unterstützung gewünscht ist. Und steht sie wartend in der Innenstadt, fragt meist nach wenigen Minuten der Erste, ob er helfen kann. „Ganz oft sind das junge Leute, auf die ja sonst so oft geschimpft wird“, sagt sie, „oder Menschen mit Migrationshintergrund.“
Das gilt für beide Seiten
Es gibt auch patzige Behinderte, da sind sich Hirschberger, Hendeß uns Schnepf einig. Sie kennen Beschwerden über Blinde oder Rollstuhlfahrer, die angebotene Hilfe ruppig zurückweisen. Das müsse sich niemand bieten lassen, sollte aber auch kein Dämpfer für die Hilfsbereitschaft sein. „Alle Menschen haben auch mal einen schlechten Tag“, sagt Hendeß, räumt aber ein: Zwischen dem Wunsch nach Autonomie und benötigter Hilfe liegt ein schmaler Grat. Um Missverständnisse zu vermeiden, appelliert Gisela Hirschberger an Menschen mit Sehbehinderungen, sich erkennbar zu machen. So lasse sich verhindern, dass auf die Frage „Wann kommt denn der Bus?“ die Antwort lautet „Gucken Sie doch auf den Plan.“
Viele Menschen macht es glücklich, wenn sie helfen können, weiß Constanze Schnepf. Bei Befangenheit hilft sie gern auf die Sprünge: „Wenn mich jemand ignoriert, spreche ich ihn gerne an. Ich sehe das als Chance für Menschen, sich zu entwickeln.“ Um Hilfe zu bitten, sieht sie als Fähigkeit, bei der sie vielen Menschen ohne Behinderung etwas voraus habe.
Und auch Gisela Hirschberger räumt Unsicherheiten am liebsten offensiv aus dem Weg. Etwa mit dem lockeren Spruch „Sie brauchen keine Angst haben, mich zu führen. Ich bin ja bei Ihnen“ .
