Richmond - In Übersee wächst der Durst auf handwerklich erzeugtes Bier aus Amerika, und deshalb expandieren einige der größten US-Brauereien für Spezialbiere nach Europa. Damit stellen sie sich dem Wettbewerb genau der Biere, von denen sie sich einst auf ihrem Heimatmarkt inspirieren ließen - das neueste Phänomen in der florierenden Spezialbierbranche. Der Schritt markiert eine fortdauernde Abkehr vom Status quo der Massenbiere und zeigt eine Bereitschaft amerikanischer Brauereien, Biertypen aus Deutschland, Belgien und Großbritannien zu erkunden und ihnen neue Impulse zu geben.

Die sogenannte Craft-Beer-Szene der USA sei so dynamisch, dass auch Europäer sich davon so sehr begeistern ließen wie Amerikaner, sagt Mike Hinkley, Mitgründer der Brauerei Green Flash aus San Diego. „Obwohl sie all diese erstaunlichen europäischen Biere gewohnt sind, gibt es jetzt einfach mehr Vielfalt.“

Exporte von Craft Beer aus den USA sind in den vergangenen fünf Jahren um das Sechsfache gestiegen. Wurden 2009 noch etwa 46 000 Fass ausgeführt, waren es 2013 nach Angaben der Brauervereinigung mehr als 282 500 Fass im Wert von schätzungsweise 73 Millionen Dollar (54 Millionen Euro). Dies ist natürlich nur ein Bruchteil der Gesamtproduktion: Im vergangenen Jahr erzeugten US-Brauereien für Spezialbiere insgesamt 15,6 Millionen Fass.

Vergangene Woche begann Green Flash als erste US-Privatbrauerei nach einem Abkommen mit der 1873 gegründeten belgischen Brasserie St-Feuillien mit der Herstellung und dem Verkauf frischen Biers auf dem europäischen Markt. Unter den wachsamen Augen von Green-Flash-Braumeister Chuck Silva produziert die belgische Brauerei West Coast India Pale Ale für den Verkauf in Großbritannien, Belgien, Frankreich, den Niederlanden und Italien.

In Berlin dagegen verfolgt die kalifornische Stone Brewing Co. einen anderen Ansatz, um die Nachfrage in Übersee zu befriedigen: Das Unternehmen renoviert für etwa 25 Millionen Dollar ein historisches Gaswerk und wandelt es in eine Brauerei mit Abfüllanlage, Vertriebszentrale, Restaurant und Biergarten um. Der Komplex soll Ende kommenden Jahres oder Anfang 2016 eröffnet werden. Stone - eine der zehn größten Privatbrauereien in den USA - will ihr Bier in ganz Europa verkaufen.


„Die Idee, dass wir über den Teich gehen, um unsere Art Bier frisch in Europa zu brauen, ist eine aufregende Perspektive für uns“, sagte Stone-Chef und -Mitgründer Greg Koch bei der Bekanntgabe der Expansionspläne am vergangenen Wochenende. „Als wir vor 18 Jahren mit Stone anfingen, waren wir von vielen der europäischen Brauer inspiriert. Jetzt zu erleben, wie eine Inspiration um die Welt zurückkehrt, ist toll.“

Der Braumeister der Brooklyn Brewery, Garrett Oliver, stimmt zu. Einst eine Einbahnstraße, schließe sich der Kreis nun: „Der kreative Geist und die Ideen, die sich in den USA entwickelt haben, fließen zurück in diese Richtung. Jetzt beruht es auf Gegenseitigkeit, und wir haben alle etwas anzubieten.“

Im Frühjahr eröffneten die Brooklyn Brewery aus New York und Carlsberg Schweden eine Brauerei für Spezialbiere mit Restaurant. Deren Brauprodukte werden in ganz Skandinavien vertrieben. Die Angestellten von Nya Carnegie in Stockholm wurden von der Brooklyn Brewery eingestellt und von deren Braumeister ausgebildet. Zusätzlich zu dem Joint Venture exportiert die Brooklyn Brewery ihre eigenen Biere weiterhin in mehr als 20 Länder. Ähnliche Projekte in anderen europäischen Hauptstädten, Südamerika und Asien werden geprüft. Etwa 30 Prozent ihres Geschäfts liegt im Export.

Doch die Nachfrage nach amerikanischem Bier war nicht immer vorhanden. Als die Brauervereinigung vor etwa zehn Jahren erstmals in Übersee Präsentationen über die US-Craft-Bier-Szene gab, wurde sie ausgelacht. Ihre Repräsentanten mussten sich unter anderem einen Monty-Python-Sketch anhören, in dem amerikanisches Bier mit Wasser verglichen wurde.

„Jetzt lachen sie nicht mehr“, sagt Bob Pease, Vorsitzender der US-Brauervereinigung. „Es hat sich herumgesprochen, dass das qualitativ hochwertigste Bier, das facettenreichste Bier, von amerikanischen Craft-Beer-Brauern kommt.“