[SPITZMARKE] - GANDERKESEE/EPD - Demenz ist nach Ansicht von Experten eines der letzten gesellschaftlichen Tabuthemen. „Selbst Politiker und Verantwortliche bei Pflegesatzverhandlungen wissen nicht, worüber sie verhandeln“, kritisierte der Schweizer Demenzexperte Michael Schnieder bei einem altenpsychiatrischen Fachtag in Ganderkesee (Kreis Oldenburg).
Für Demenzkranke hätten alle gesellschaftlichen Normen ihren Sinn und ihre Gültigkeit verloren, sagte Schnieder: „Da ist Chaos die Norm.“ Wenn der Vater oder die Mutter plötzlich im Wohnzimmer uriniere, werde das zum Familiengeheimnis erklärt. Oft reagierten die Angehörigen aus Unwissenheit und Angst über das scheinbar unerklärliche Verhalten mit Gewalt. Die Kranken benötigen Schnieder zufolge auch in Heimen eine besonders intensive Pflege, die auf die augenblicklichen Bedürfnisse eingeht.
Das verlange größtes Einfühlungsvermögen von den Pflegekräften, aber auch von den Putzfrauen. Sie seien oft noch vor den Pflegekräften die ersten Ansprechpartner auf den Stationen. Politikern und Verhandlungsführern empfahl der Schweizer Heimleiter ein Praktikum in einer Dementen-Einrichtung, um zu erkennen, dass dort keine billigen ungelernte Kräfte arbeiten können.
Die Wiener Ärztin Martina Schmidl forderte mehr spezielle Abteilungen für Demente. Herkömmliche aktivierende Konzepte in Pflegeheimen seien für Demente ungeeignet. Die größte Angst Dementer sei die Furcht vor dem Alleinsein. Darum sei jede Forderung nach Einzelzimmern unsinnig. Für Schmidl hat die Unkenntnis über Demenz rein wirtschaftliche Gründe: „Mit dementen Pflegepatienten kann man kein Geld verdienen.“
Etwa jeder Vierte werde im Alter dement, berichtete Schmidl. Die Wahrscheinlichkeit an Demenz zu erkranken, steige mit den Jahren. Bei 85-Jährigen liege die Quote bei 40 Prozent, bei 90-Jährigen bereits bei 60 Prozent.
