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Image Stadt an der Delme besser als ihr Ruf

Kristin Kruthaup Lars Laue

Delmenhorst - Ja, mit dieser Stadt zwischen Bremen und Oldenburg ist es so eine Sache. Delmenhorst kämpft seit Jahren ums Image, das nicht das Beste ist. Kurz nach 22 Uhr, knapp 80 000 Einwohner und kein Mensch unterwegs. An der Dönerbude beim Bahnhof packt der Betreiber gerade den Grillspieß ein. Im Hotel gegenüber breitet der Nachtportier mit großer Geste die Arme aus: „Willkommen in Delmenhorst“.

Doch so recht will offenbar keiner hierher. Delmenhorst ist laut einer neuen Studie, die Kreis und kreisfreie Städte berücksichtigt, die Stadt mit den wenigsten Übernachtungen in Deutschland. Ein Ort arm wie Berlin, aber eben nicht so sexy. Von den Erwerbsfähigen ist jeder zehnte arbeitslos. Die Stadt hat hohe Schulden. Sexy könnte sein, dass das bekannteste Kind der Stadt Sängerin Sarah Connor ist. Doch die ist weggezogen. Warum also einen Urlaubstag in Delmenhorst vergeuden?

Dafür gibt es bei aller Tristesse, die sich in beinahe jeder Stadt finden lässt, dennoch gute Gründe.

Die Stadt in der Stadt

Jeder dritte Delmenhorster hat einen Migrationshintergrund. Das liegt nicht zuletzt an der Norddeutschen Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei, kurz Nordwolle. Wer vom Rathaus aus zehn Minuten zu Fuß aus der Stadt herausläuft, steht plötzlich auf einem der größten Industriedenkmäler Europas. Zu sehen sind eine Reihe von roten Backsteinhäusern und -hallen in verschiedenen Größen.

Von 1884 bis zum Konkurs 1981 war auf diesem Gelände die Nordwolle beheimatet, ein Unternehmen, das Wolle und Garn verarbeitete. Die Nordwolle hatte zeitweise weit über 3000 Mitarbeiter, betrieb mehrere Fabriken in Deutschland und war in ihrer Hochphase für bis zu 25 Prozent der globalen Wollverarbeitung verantwortlich. Um die Jahrhundertwende entwickelte sich das Nordwolle-Gelände zur Stadt in der Stadt. Heute lässt sich im sehr informativen und interessant aufbereiteten Nordwestdeutschen Museum für Industriekultur nachvollziehen, wo damals was stand.


Gerda Hartmann führt durch das Museum und weiß gar nicht so genau, wo sie anfangen soll. Es gibt einfach zu viel zu erzählen. Da ist die Geschichte von der Familie Lahusen, der die Nordwolle lange gehörte. Dann ist da die Geschichte der Gastarbeiter, die in zwei großen Wellen kamen und in Delmenhorst integriert werden mussten. Und schließlich ist da die Geschichte vom langsamen Niedergang der Fabrik. Wie langweilig kann eine Stadt mit solch einer Geschichte und so einem Museum sein – zumal inmitten der alten Industriearchitektur mittlerweile ein stadtnahes und attraktives Neubaugebiet entstanden ist.

Bratwürste gegen Rechts

Direkt im Stadtzentrum liegt an einer viel befahrenen Straße eine Brachfläche. 2006 gibt es noch keine Brachfläche, sondern ein Hotel. Es wird bekannt, dass der Inhaber das Gebäude verkaufen will. Käufer sollen Rechtsextreme sein. Doch dann kommt den Delmenhorstern eine Idee: Warum nicht das Hotel selbst kaufen?

Eine Kleinstadt steht auf gegen Rechts. Am Ende wird es rund 3500 Zeitungsartikel geben. Und mit dem Medienecho kommt dann auch das Geld. Die Stadt kauft schließlich das Hotel – und lässt es später abreißen. Wie langweilig kann eine Stadt sein, in der die Bürger so etwas zuwege bringen?

Kohlfahrer-Hochburg

Bernd Schierenbeck ist der König der Kohlfahrer in Delmenhorst. Ein Mann Mitte 50, mit einem Händedruck wie ein Schraubstock. Schierenbeck bietet Kohlfahrten im großen Stil an. „Um halb acht stehen die ersten auf den Tischen“, sagt Schierenbeck. Von 400 Desserts kann er manchmal nur noch 200 verteilen, der Rest der Gäste steht schon auf der Tanzfläche oder an der Theke. „Das muss harte, gute Party sein“, sagt er. Wie langweilig kann eine Stadt sein, die so feiern kann?

Offen für Neues

Ein Besuch beim Oberbürgermeister. Axel Jahnz ist erst seit kurzem im Amt. Er sitzt in dem schönen, alten Rathaus und blickt auf den Marktplatz. Von oben sieht man die Sonnenschirme der Cafés. Er erzählt vom Kartoffelfest, vom Weinfest und vom Stadtfest. Er erzählt, dass die Menschen gerne hier leben und die Stadt Zuzug hat. „Letztendlich ist Delmenhorst aber keine Stadt, in der man einen langen Urlaub plant“, sagt er. Aber wer weiß: Manchmal müsse man im Leben auch Glück haben. Vielleicht kommt auf einmal ein Investor mit einer verrückten Idee, die Touristen nach Delmenhorst bringt. Platz gäbe es – „und willkommen wäre der auch“. Wie langweilig kann eine Stadt sein, die offen für verrückte Ideen ist?

Läuft in der Stadt

Und dann gibt es gegenüber der Innenstadt ja noch die Graftanlagen – ein wunderschöner Stadtpark, in dem sich jedes Jahr im Sommer Läufer aus der gesamten Region, ja aus der ganzen Republik für ein Wochenende treffen, um ihre Runden zu drehen. Der 24-Stunden-Burginsellauf ist eine der größten und beliebtesten in dieser Art. Und da sage noch einer, in Delmenhorst sei nix los. Läuft in Delmenhorst – zumindest beim 24-Stunden-Lauf.

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