STAPELFELD - Es riecht nach Revolution, Reformation. Ein provokanter Sozialethiker und eine Gewerkschaftssekretärin treten in der Katholischen Akademie Stapelfeld (KAS) ans Mikrofon und stellen sich mit dem Personalchef des Bistums Osnabrück der Diskussion um gerechtere Entlohnung in kirchlichen Einrichtungen. Thesen werden am Reformationsfeiertag allerdings nicht an die Tür der KAS geschlagen, wohl aber in fairer Art Standpunkte offengelegt und Meinungen mit den zahlreichen Gästen ausgetauscht.

Mit dem Sozialethiker Professor Dr. Friedhelm Hengsbach aus Ludwigshafen stellte Moderator Dr. Marc Röbel, geistlicher KAS-Direktor, einen Experten vor. Der 74-jährige Jesuit führte in das eigenständige Arbeitsrecht und Tarifsystem ein, das die Arbeitsverhältnisse in kirchlichen Einrichtungen regelt – den sogenannten „Dritten Weg“. Als Erstes stellte Hengsbach klar: „Verantwortlich war und ist der Staat für kirchliche Arbeitsverhältnisse.“ Zum einen habe der Staat mit den gesetzlichen Vorgaben Freiräume geschaffen, zum anderen sorgten die Entregelung der Arbeitsverhältnisse und die Kommerzialisierung der kirchlichen Dienste für eine Erosion. Der Wandel vom Sozialstaat hin zum Wettbewerbsstaat, die Deformation der solidarischen Sicherung und das Herauskatapultieren der Wohlfahrtsverbände aus ihrer Privilegierung, beispielsweise in der Pflege älterer Menschen durch private Mitbewerber, sorge für eine Schieflage in der Tariflandschaft.

Damit sich die kirchlichen Arbeitnehmervertreter gegenüber dem Arbeitgeber besser durchsetzen können, fordert der Jesuit deren Ausbildung durch gewerkschaftlich organisierte Vertreter oder gleich die Zulassung von Gewerkschaften. „Ohne zweispurige Interessenvertreter keine Gerechtigkeit“ warb Hengsbach.

Aloys Raming-Freesen, Leiter der Abteilung Personal und Organisation beim Bistum Osnabrück, verteidigte das System aus paritätisch ausgewählten und weisungsgebundenen Vertretern der Mitarbeiter und der Dienstgeber. Statt des verbotenen Streiks stehe der dritte Weg als Konsensmodell. In den Gremien müsse stets die Bereitschaft vorhanden sein, sich auch einigen zu wollen. „Die Kirche bezahlt nicht besser, aber auch nicht schlechter“, so Raming-Freesen, der einräumte, dass private Anbieter von Dienstleistungen keine Lohnbindung hätten. Hier sei die Politik gefordert. Er könne sich bei der Refinanzierung von Leistungen an einer neuen Basis ausrichten, die allem gerecht werde.

Dass der Wettbewerb Spuren im Geldbeutel der Mitarbeiter – eine Zunahme prekärer Arbeitsplätze – hinterlassen hat, bestätigte die Gewerkschaftssekretärin Annette Klausing, Verdi-Landesbezirk Niedersachsen-Bremen. Die Lösung sieht die Gewerkschafterin derzeit in Gesprächen mit den Vertretern der Verbände. Dabei gehe es beispielsweise um das Ausloten von Lohnuntergrenzen für eine Branche. Ziel sei es, die Hälfte der Arbeitnehmer dieser Branche tariflich zu erreichen. „Dann können wir mit Hilfe eines allgemeingültigen Tarifvertrages die schwarzen Schafe einfangen“, so Klausing.