Oldenburg - Wolfgang Oehrl, Stadt- und Kirchenführer, hat mit seinen Gewölbeführungen in die Unterwelt der Innenstadt ganz offensichtlich einen Nerv getroffen. Ständig sind die Führungen ausgebucht – doch Oehrl hat schon das nächste Projekt im Blick: „Der Blick nach oben“, heißt es. Oehrl will die Aufmerksamkeit der Oldenburger auf Zierrat, Reliefs, Figuren und Bildhauerarbeiten lenken, die die Baumeister vergangener Zeiten wie selbstverständlich in die Fassaden integriert haben. „Man schaut da nur selten hin“, sagt Oehrl. Und so sind auch Bedeutungen und Geschichten der Verzierungen vielfach in Vergessenheit geraten. Oehrl will Erinnerungs-Schätze heben und bittet die Oldenburger um Hilfe bei der Recherche.
Eines seiner Beispiele: Die Fassade des Seniorenheims Friedas Frieden wird von einer männlichen und einer weiblichen Figur geziert – auf Engelsköpfen schwebend. Und wer ist es? „Es könnten die biblischen Simeon und Hanna aus dem Lukas-Evangelium sein“, mutmaßt Oehrl. Oder die Stifter des Heimes? Nur schmückende Figuren? Zwei ehemalige Oberkirchenräte? Die Heimleitung konnte Oehrl keine Erklärung geben.
Beispiel 2: Die Lambertikirche zeigt hoch oben an der Marktseite vier kleine Köpfe: Zwei weibliche und zwei männliche blicken auf das Markttreiben. Reiner Schmuck? Oder auch biblische Figuren? Oder bestimmte Gestalten aus dem 19. Jahrhundert? Oehrls Recherche-Ergebnis: „Man neigt zunächst zur ersten Version. Einem Experten aus dem Oberkirchenrat fielen dann aber Details der Bekleidung auf. Nun soll ein weiterer Experte gefragt werden. Alles offen …“ Eine kaum beachtete Tafel an der gelben Klinkerfassade in der Achternstraße schafft Verbindung zwischen beiden Bereichen. Zu lesen ist: „Dies Haus ist erbaut MDCCCLXXXX ein Jahr nach der Zerstoerung d. massiven Turms v. St. Lamberti“ .
Was war geschehen? Baurat Ludwig Klingenberg hatte laut Oehrl den Glockenturm der Lambertikirche, den Westturm, ab 1873 mit einer Steinspitze erbaut. Sie wurde 1889 wieder abgerissen. Zwei Versionen: Die Steinspitze war zu schwer und passte nicht zur Statik des gesamten Turmes oder die Steinplatten hielten der Witterung nicht stand. Jedenfalls ersetzte eine leichtere Holz-/Kupferspitze die Klingenbergkonstruktion – zu dessen Verärgerung, wie in Stein gemeißelt nachzulesen ist.
Weitere Beispiele? Bitte: Volksbank, Schloss, Staatstheater, Standesamt, Hauptbahnhof, Kaiserliche Post … , vielfache Plastiken. Ein Spaziergang durch die Teichstraße im Dobbenviertel und deren Parallelen lenkt den Blick auf Privathäuser um 1900, die mit Ornamenten, Jungfrauen- und Männerköpfen versehen sind. Im Ausdruck sind diese Verschönerungen oftmals sehr ähnlich, so dass an Vervielfältigungen zu denken ist. Es gibt aber auch einmalige Figuren und Medaillons, etwa am Theaterwall 4. An manchen Wohnhäusern könnten familienbezogene Steinmetzarbeiten angebracht worden sein. Ob sich ein Bewohner noch an Erzählungen von Opa oder Oma erinnert?
Für Hinweise unter Tel. 45 600 ist Oehrl dankbar.
