STEINHAUSEN - 240 Zuhörer verfolgten gespannt das Wort-Schauspiel zweier Gleichgesinnter, ein Stichwort gab das andere, kaum blieb Zeit zum Atemholen. Der Gesprächskreis für gesunde Ernährung und Lebensführung in Bockhorn (GELB) hatte zu seinem 20jährigen Bestehen Prof. Dr. Annelie Keil und Dr. Mathias Jung eingeladen. Sie kommen aus ganz unterschiedlichen Lagern, die eigentlich nach innen gekehrte Extrovertierte, die Gesundheitswissenschaftlerin aus Bremen, die einen sozialpädagogischen Ansatz vertritt, der betont nach außen gekehrte Introvertierte, der Psychotherapeut aus Lahnstein. Eine doppelte Polarität, und das war auch das Thema des Abends.

Kaum Zeit zum Atemholen

Alle Plätze in der „Altdeutschen Diele“ in Steinhausen waren besetzt, ganze Busgesellschaften hatten Donnerstagabend den Weg in die Friesische Wehde gefunden. Die Struktur der Gesprächsrunde war klar, Keil und Jung hatten im Vorfeld dem Partner fünf Fragen vorgelegt – Annelie Keil begann mit den Antworten, und schon war die Struktur dahin. Bis auf die Grundaussage beider: Das Leben ist von Polarität bestimmt. Das beginne Keil zufolge mit der bis heute rätselhaften „Biologischen Energie“, ihrem Kernthema, der Lebenskraft, die dem „Mängelwesen“ Mensch ein „ungeheures Maß an Stärke“ zufügt. Der Satz „Gesundheit ist die Abwesenheit von Krankheit“ sei absoluter Unsinn, es ist vielmehr ein dauerndes, lebenslanges Wechselspiel: „Ohne eine gute Krankheit ist die beste Gesundheit nichts“, und genau daraus könne der Mensch seine Orientierung gewinnen.

Zwischen ständiger Anspannung und Entspannung die Balance finden – eine Weisheit aus der Kultur der Indianer – auf dem Weg zur richtigen Lebensordnung. Keil: „Unser Leben beginnt mit einer Entbindung, dem ersten Abschiednehmen“, das bis zum Tod seine Fortsetzung zwischen dauernden Bindungs- und Entbindungsstörungen findet. Lebenskrisen sind keine Katastrophen, sie bringen wieder Polarität, „Leben ist immer im kritischen Zustand, jede Krise ist ein Übergang. Es geht nicht um Sieg oder Niederlage, sondern um die Akzeptanz, das etwas geht oder scheitert.“

Krise als Übergang


Längst war das Frage- und Antwort-Spiel in gemeinsame Appelle übergegangen. Mathias Jung: „Krankheiten haben zu mehr als 50 Prozent einen psychosomatischen Anteil. Herzinfarkte sind oft Seeleninfarkte, Hautkrankheiten können auf Berührungsängste hinweisen. Krankheiten sind Botschaften, ultimative Warnungen der Seele, das alte Ich sterben zu lassen, Inventur zu machen.“

Krankheit als Botschaft

Gesundheit heißt: „Kontakt und Dialog.“ Und da schließt sich für Mathias Jung der Kreis der Polaritäten: „Wir sind eingebettet in den Zusammenhang der Spiritualität, wir sind soziale, sinnsuchende Wesen. Wer das verdrängt, lebt nur im „man“ (Heidegger). Zwischen Autonomie und Abhängigkeit brauchen wir Gemeinschaften, in denen wir leben können. Wer sie nicht hat, gerät in die Sinnkrise, wird zum Emigranten des eigenen Herzens". Sein Fazit: „Jeder muss sich seiner selbst bewusst werden, und das geht nur über Miterkenntnis der anderen.“ Annelie Keil: „Wir bekommen das Leben als Möglichkeit. Leben müssen wir selbst.“