STENUM - Der Wandel der Bahnhofstraße beginnt mit dem Ortseingangsschild. Auf dessen einer Seite steht Schierbrok, auf der anderen Stenum. Und während der Stenumer Teil seinen ländlich-natürlichen Charakter weitgehend behalten hat, konzentriert sich hinter der Aufschrift Schierbrok das geschäftliche Leben – ohne dass das dörfliche verschwunden wäre.
Vom Kiosk bis zur Bank, vom Drogeriemarkt bis zur Apotheke, von der Gaststätte bis zum (etwas abseits gelegenen) Supermarkt ist hier alles zu finden. Dazu kommen Feuerwehr, Bürgertreff und Grundschule sowie diverse Dienstleister. Kurzum: das Wichtigste für die Grundversorgung.
Berühmter Name
Das war nicht immer so: An der Bahnhofstraße stand zwischen Schule und Bahnlinie bis 1920 kein Gebäude. Und auf der gegenüberliegenden Seite waren es kaum mehr. Eines davon war die Bäckerei, die einen später berühmten Namen trug: Wiltfang. Der Großvater des späteren Weltklassereiters Gerd, Gerhard Wiltfang, eröffnete gegenüber der Schule 1908 seine Backstube mit angeschlossener alkoholfreier Wirtschaft. Butterkuchen und Schwarzbrot hatten einen guten Ruf weit über das Dorf hinaus. Auch bei den Bremer Ausflüglern, die auf dem Weg zu den Stenumer Gaststätten in Scharen an der Bäckerei vorbeizogen. Für sie öffnete Opa Wiltfang sogar sonntags.
Zum Pech für den Familienbetrieb, der 1963 aufgegeben wurde, aber zum Glück, so muss man wohl sagen, für den Sport, hat Enkel Gerd sich nicht sonderlich fürs Bäckerhandwerk interessiert. Statt dessen ritt er schon als Schüler auf seinen Ponys nicht nur durchs Dorf, sondern vor allem zu unzähligen ersten Plätzen auf ländlichen Turnieren. Alles weitere – wie sein Weltmeistertitel und der Mannschafts-Olympiasieg – ist legendär.
Keine Legende, sondern historisch verbürgt ist die Geburtsstunde des Bahnhofs. Der erste offizielle Zug rollte am 8. Mai 1867 durch Schierbrok: ein Sonderzug, in dem unter anderem die Königin von Griechenland saß. Bis die Züge in Schierbrok auch anhielten, sollten aber noch Jahre vergehen. Wie Kurt Müsegades in seinem Buch über die „Dörfer um den Stenumer Wald“ beschreibt, gab es zunächst eine Bedarfshaltestelle im Nutzhorner Gehölz, die gern auch von den örtlichen Abgeordneten Conrad und Julius Müller-Nutzhorn vor und nach den Sitzungen des Oldenburger Landtags zum Ein- und Aussteigen genutzt wurde. Bald stoppten an der Stelle auch Sonderzüge mit Ausflüglern aus Bremen.
Im Fahrplan taucht die Bahnstation Schierbrok erstmals ab April 1884 auf. Kurz darauf, so Kurt Müsegades, sei wohl auch das erste Bahnhofsgebäude entstanden, hervorgegangen aus einem kleinen Wärterhäuschen. Schon 1895 seien mehr als 50 000 Personen in Schierbrok ein- und ausgestiegen.
Entwicklung dank Bahnhof
Auf jeden Fall ist die weitere Entwicklung Schierbroks zu einem großen Teil dem Bahnhof zu verdanken, in dessen Umfeld sich mehr und mehr Menschen niederließen. So entstanden nach 1920 nahezu geschlossene Häuserreihen entlang der Bahnhofstraße zwischen der Nutzhorner Landstraße und dem Trendelbuscher Weg. Während die meisten davon noch heute stehen, ist ausgerechnet das Gebäude, das der Straße den Namen gab, nicht mehr im Ortsbild zu sehen. Der Schierbroker Bahnhof wurde – nachdem die Bahn den Fahrkartenverkauf und die Schrankenschließung automatisiert hatte – überflüssig und mangels aussichtsreicher Nachnutzung Ende 1987 abgerissen.
So wie die Bahnhofstraße die Dörfer verbindet, trennt die Bahn Schierbrok in zwei Teile. Aufgrund der zu erwartenden steigenden Zahl der Zugverbindungen nach Fertigstellung des Jade-Weser-Ports, dürften die schon heute geltenden Schließzeiten die Geduld der Schierbroker bald noch mehr strapazieren. Über eine Tunnellösung wird seit längerem nachgedacht. Zumindest über die Finanzierung einer Machbarkeitsstudie, die Voraussetzung für die Aufnahme des Projektes in die Investitionsplanung der Bahn ist, verhandelt die Gemeinde derzeit mit dem Landkreis als Träger der Bahnhofstraße.
