STRüCKHAUSEN - Fassungslosigkeit, Unverständnis und Betroffenheit ist in den Gesichtern der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Nord-Eis abzulesen, die am Mittwochmittag aus der Betriebsversammlung kommen. Gerade hat ihnen die Geschäftsführung der R & R Ice Cream Group, zu der Nord-Eis gehört, das endgültige Aus des Werks Strückhausen verkündet. Zum Saisonende, aber spätestens am 31. Dezember werden die Eisproduktionsanlagen unwiderruflich stillgelegt. 150 Mitarbeiter und etwa 60 Saisonarbeitskräfte werden dadurch ihren Arbeitsplatz verlieren.
200 Überstunden
Dass es um den Standort Strückhausen nicht zum Besten steht, wissen die Mitarbeiter schon seit fast einem Jahr. Damals nämlich wurde der bereits begonnene Aufbau einer neuen Anlage gestoppt. Aber dass dies der Anfang vom Ende sein könnte, mochte niemand glauben. „Wir haben in der Saison an jedem Wochenende gearbeitet“, erzählt ein anderer Mitarbeiter. „Wir haben 200 Überstunden und mehr geleistet. Und das ist jetzt der Dank dafür“, sagt er verbittert.
Die meisten Nord-Eis-Mitarbeiter kennen das Bangen um den Arbeitsplatz noch als Mitarbeiter von Nordmilch. Gut fünf Jahre ist es her, da stand das gesamte Strückhauser Werk auf der Kippe. Mit der Auslagerung der Eissparte, aus der dann Nord-Eis wurde, haben viele an eine lange berufliche Zukunft geglaubt. Dafür waren sie sogar bereit, Lohneinbußen hinzunehmen. Und jetzt stehen sie wieder vor dem Nichts. Viele sind 20, 30 oder noch mehr Jahre in Strückhausen tätig. „Hier gibt es Mitarbeiter in der Produktion, die haben den Grundstein mit gelegt“, sagt ein Betroffener, der seine Tränen kaum verhindern kann.
Dr. Ibrahim Najafi von der Geschäftsleitung von R & R Ice Cream, die sich nach der Versammlung nicht öffentlich äußern will, teilt später in einer Presseerklärung mit, dass „andere Lösungen“ gefunden werden mussten, „nachdem wir Gelände und Gebäude leider nicht rechtzeitig vor der Saison erwerben konnten“.
Doch woran letztendlich die Verhandlungen mit dem Nordmilch-Konzern, der die Betriebsstätte an R & R Ice Cream verpachtet hat, gescheitert sind, darüber hüllen sich beide Verhandlungspartner in Schweigen. Nordmilch-Sprecherin Godja Sönnichsen betont allerdings, dass es im Interesse ihres Unternehmens liegt, „das Gebäude nutzbringend zu verpachten oder zu verkaufen“.
Fehlende Informationen
Sein Unverständnis über die Schließung äußert auch Ovelgönnes Bürgermeister Thomas Brückmann, der mit der CDU-Bundestagsabgeordneten Astrid Grotelüschen nach Strückhausen geeilt ist. Wenn die Arbeitsplätze tatsächlich wegfallen, so Brückmann, dann gebe es dafür keine Alternativen in der Region. „Mit der Ankündigung der Schließung wurden Fakten geschaffen. Dann ist Politik machtlos“, sagt auch Astrid Grotelüschen. Politik könne nur unterstützend eingreifen, wenn bekannt sei, wo Hilfe nötig sei. „Wir brauchen Informationen“, beklagt die Abgeordnete das lange Schweigen beider Konzerne.
Alternativkonzept
„Ich war auch überrascht“, erklärt Rudi Martens (56), Betriebsratsvorsitzender bei Nord-Eis, nach der Versammlung. Wirtschaftliche Gründe für die Schließung gebe es jedenfalls nicht. „Das ist eine rein unternehmerisch-strategische Entscheidung gewesen“, ist sich Martens sicher.
Trotzdem findet sich Rudi Martens noch nicht mit der angekündigten Schließung ab. Eine Arbeitsgruppe unter seiner Leitung hat in den vergangenen Wochen, als sich die negative Entwicklung mehr und mehr abzeichnete, ein so genanntes Alternativkonzept zur Rettung des Standortes erarbeitet. Dies hat die Arbeitsgruppe nach der Betriebsversammlung der Geschäftsleitung präsentiert. Die will in spätestens zwei Wochen eine Stellungnahme dazu abgeben. So lange geht das Hoffen in Strückhausen weiter.?
