Hannover - Volker Schmidt redet Klartext. „Wir beobachten seit Jahren eine nachhaltige und besorgniserregende Investitionsschwäche in der Industrie – besonders bei den für uns so wichtigen Maschinen und Ausrüstungen“, schlägt der Hauptgeschäftsführer von NiedersachsenMetall auf dem „Investitionsgipfel“ am Montag Alarm.

Der Arbeitgeberverband hatte dazu die Spitzen aus Wirtschaft und Politik eingeladen, um über eine vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) für Niedersachsen erstellte Standort- und Strukturanalyse zu diskutieren. IW-Direktor Michael Hüther überreichte das Gutachten an Ministerpräsident Stephan Weil (SPD).

Niedersachsens Industrie hat laut Studie in den vergangenen 20 Jahren rund doppelt so viel Geld ins Ausland gesteckt wie in den Erhalt der Fabriken daheim. Schon seit dem Jahr 2004 drohe die Branche zwischen Harz und Küste den Anschluss zu verlieren, da der Wert von Anlagen, Ausrüstungen und Gebäuden daheim noch nicht einmal aufrechterhalten wird. „Es findet eine schleichende Aushöhlung des Kapitalstocks statt, da die getätigten Investitionen nicht ausreichen“, heißt es in der Analyse.

Die Expertise zeichnet ein bedrohliches Szenario. Demnach zeigt sich bei den Investitionen der niedersächsischen Industrie im Ausland eine zweite Welle. Mit der ersten erschlossen sich die Firmen neue Märkte. Das hat etwa Niedersachsens größtes Unternehmen Volkswagen sehr erfolgreich in China gemacht. Der Autobauer zählt dort heute 26 Werke.

Diese erste Welle habe die Inlandsproduktion gut ergänzt und somit auch die Jobs daheim gesichert. Nun aber beginne eine zweite Welle, die der „ersetzenden Auslandsinvestitionen“, wie es die Studie nennt. „Produktion in der Ferne löst die an heimischen Standorten ab – die Globalisierung bekommt ein anderes Gesicht. Zumal Unternehmen vor allem auch deshalb im Ausland investieren, weil dort die (Arbeits-) Kosten niedriger sind“, hält die Studie in Arbeitgeberauftrag fest.


Als Gegengewicht fordert Schmidt konkrete Maßnahmen für mehr Investitionen. „Dazu gehören steuerpolitische Anreize“, betont der Experte. Weitere Punkte: Die Wiedereinführung der degressiven Abschreibung und eine verantwortungsvolle Tarifpolitik. „Durch eine bessere steuerliche Absetzbarkeit hätten Unternehmen einen echten Anreiz, mehr in ihre Forschung und Entwicklung zu investieren“, glaubt auch der CDU-Wirtschaftsexperte Dirk Toepffer.

Ministerpräsident Weil sichert in diesem Punkt sofort die Unterstützung der Landesregierung zu. Das rot-grüne Kabinett wird sich im Bundesrat dafür einsetzen, dass Unternehmen zehn Prozent der Personalkosten für Forschung und Entwicklung als Steuergutschrift ersetzt bekommen.

Das Beratungsunternehmen Deloitte hat die Standortoptimierung in der Autobranche 2015 untersucht. Neubauten gibt es demnach vor allem in China sowie in Brasilien, Südostasien und Mexiko. Wären dabei nur die Arbeitskosten ausschlaggebend, hätte die Verlagerung vor allen gen Länder wie Moldawien, Georgien oder die Philippinen gehen müssen. Es gebe jedoch entscheidende weitere Faktoren wie etwa gutes Personal, ausreichende Infrastruktur oder den rechtlich-politischen Rahmen. Bei den Lohnstückkosten liegt Deutschlands Industrie nur wenig über einem Schnitt aus 26 Ländern, von denen Großbritannien, Italien und Frankreich die rote Laterne halten. Polen belegte Platz drei.