Sande/Wilhelmshaven - Ach ja, das Foto: Wir hätten gern Chef und Azubi bei der Anlagenmechanikerarbeit.
„Ich hab’ da was“, sagt der Chef, er lotst den Azubi durch den Laden zur GB-192i: „Das ist das Neueste vom Neuen!“ Touchscreen, Internet-Schnittstelle, fernsteuerbar per Handy-App, kurz: die Komplexität des Heizungsbaus auf schwarzglänzenden 73 mal 52 Zentimetern. Sehr fotogen.
Vor der Technik: Titanium-Glas. „Das machen wir mal auf“, sagt der Chef.
Vor dem Titanium-Glas: eine handelsübliche Stahlschraube.
„Äh, hast Du zufällig einen Schraubendreher?“
Ingo Duin, 18 Jahre alt, erstes Lehrjahr, knipst sein breitestes Grinsen an. „Aber klar doch“, sagt er und friemelt seinen Phasenprüfer aus dem Blaumann.
Er hat den ganzen Tag lang auf der Baustelle Löcher in Mauern gestemmt, Heizungsvorläufe und Rückläufe verlegt, Kupferrohre zugeschnitten und mit der Pressbacke verpresst. (“Verpressen“, raunt der Chef, „das hat man früher nicht vor dem zweiten oder dritten Lehrjahr gemacht!“) Jetzt ist es dunkel draußen, und Ingo sagt zufrieden: „Ich wusste schnell: Dieser Beruf ist das Richtige für mich.“
Es blieb die Frage: Ist Ingo auch der Richtige für diesen Beruf?
Denn nicht nur Heizungen werden immer komplexer, auch Berufsausbildungen. Ralf Menzel, 46 Jahre alt, Ingos Chef bei Paul Menzel in Sande, Friesland, sagt: „Die Anforderungen sind wahnsinnig gewachsen.“ Früher wurden Leute Gas-Wasser-Installateur, dreieinhalb Jahre Lehre. Oder sie wurden Heizungs- und Lüftungsbauer, dreieinhalb Jahre Lehre. „Heute sind das zwei Berufe in einem“, sagt Ralf Menzel: „Anlagenmechaniker, dreieinhalb Jahre Ausbildung.“ Er stutzt. „Eigentlich sind es sogar drei Berufe, Elektrotechnik gehört auch noch dazu.“
Außerdem: jede Menge Schule. Kaufmännisches Wissen. Schaltpläne lesen. Ausschreibungen verstehen. Gesetzliche Vorschriften kennen.
„Eigentlich sage ich immer: Mittlere Reife ist das Minimum für diese Ausbildung“, sagt Menzel.
Ingo war eher nicht der Mittlere-Reife-Typ. „Schule“, sagt er und grinst breit: „Wer mag schon Schule.“
Zeitweise hat er seine Tage (und wohl auch einige Nächte) lieber vor der Spielekonsole verbracht. Seine Noten? Er zuckt mit den Schultern. Fünfen, sagt er. „Auch Vieren.“ Der Hauptschulabschluss jedenfalls lag für Ingo in weiter Ferne.
Ingo und Anlagenmechaniker, das passt nicht recht. Eigentlich.
Es verändern sich nicht nur Heizungen und Berufe, es verändern sich auch die Umstände. Früher, sagt Ralf Menzel, hätten sich bei ihm auf eine Lehrstelle 20 oder 30 Bewerber gemeldet. Heute sind es vielleicht zwei oder drei. Und die, sagt Menzel, könne er zumeist nicht gebrauchen, siehe oben. Oder er kann sie gebrauchen, aber sie sind schnell wieder weg. Weil sie in der Industrie höhere Löhne bekommen. Menzel braucht aber Leute. Er braucht nämlich Fachkräfte, im Handwerk gibt es derzeit viel zu tun. Er braucht Auszubildende, die die Ausbildung schaffen.
Auftritt Herr Jeske.
Uwe Jeske, 54 Jahre alt, ist Berufsberater bei der Agentur für Arbeit in Wilhelmshaven. Er steht vor der Supra-Klasse der Oberschule Sande. Ingos Klasse. Supra bedeutet: Schule und Praxis. Es ist eine Klasse für Schüler, die schulmüde sind, lernschwach, die Probleme haben. „Notendurchschnitt 5“, sagt Jeske. In der Supra-Klasse sollen die Schüler trotzdem ihren Hauptschulabschluss schaffen. Zwei Tage die Woche machen sie Praktikum in einem Handwerksbetrieb. Ingo geht zu Menzel, Sanitär und Heizung.
„Ich hab’ da was“, sagt Herr Jeske: AsA heißt es, Assistierte Ausbildung.
Im Beratungsbüro von Uwe Jeske gibt es AsA-Flyer, einen für Jugendliche, einen für Arbeitgeber. „Deinen Berufsabschluss schaffen!“ steht auf dem einen, „Jetzt die eigenen Nachwuchskräfte sichern!“ auf dem anderen.
AsA ist ein Programm für lernbeeinträchtigte und sozial benachteiligte Azubis. Jugendliche, die als lernschwach gelten, die alleinerziehend sind, die vielleicht Drogen- oder Alkoholprobleme hatten. Es gelten folgende Bedingungen: Es muss ihre erste Ausbildung sein, und sie dürfen nicht älter als 25 sein. Dann kann ein Ausbildungsbegleiter sie durch die Ausbildung führen, finanziert von der Arbeitsagentur.
„Ey“, sagt ein Schüler zu Herrn Jeske, „sollen wir jetzt gestalkt werden, oder was?“
„Ach nee“, antwortet Jeske: „Englisch 6 – aber das Wort kennst Du?“
Noch eine Bedingung: Die Teilnahme ist freiwillig.
In der Firma Paul Menzel, Sanitär und Heizung, sagt der Chef zu seinem Praktikanten: „Junge, wenn Du Deinen Hauptschulabschluss schaffst, dann kannst Du hier Deine Lehre machen.“
Ingo schaffte seinen Hauptschulabschluss in der Supra-Klasse.
Jetzt geht Ingo zweimal die Woche zur Berufsschule. Und einmal die Woche fährt er nach Wilhelmshaven zur Volkshochschule. Nach der Arbeit auf der Baustelle.
Auftritt Herr Krüger.
„Sie haben Glück“, sagt Herr Krüger, „ich bin gerade reingekommen!“
Heiko Krüger, 44 Jahre alt, Sozialwissenschaftler, stellt sich vor: „Ich bin das Bindeglied.“ Assistierte Ausbildung bedeutet: Ausbildungsbegleiter Krüger spricht mit den Auszubildenden, mit den Betrieben, mit den Lehrern, mit den Eltern, mit der Arbeitsagentur. Er ist ständig unterwegs.
Krüger sagt: „Wir können nicht ändern, was 18 Jahre lang versäumt wurde. Wir müssen mit dem umgehen, was die Jugendlichen haben.“
Da ist dieser Junge, sagt Krüger: Stress zu Hause, wochenlang hat er im Auto geschlafen. Als das herauskam, habe man ihm schnell eine Wohnung gesucht. „Die haben gekocht im Betrieb, damit er was zu essen bekommt. Möbel gesammelt. Ihm Geld vorgestreckt“, sagt Krüger. „Und der Junge? Kommt überpünktlich, bleibt länger, arbeitet ganz toll.“
Ausbildungsbegleitung heißt: Besuche beim Amt. Schuldnerberatung. Kummerkasten. Nachhilfestunden In Metallkunde, Mathematik, Rechtschreibung. Konzentrationstraining. „Wir spielen hier Spiele“, sagt Krüger und legt eines auf seinen VHS-Schreibtisch, „Kakerlakensalat“. „Es gibt Kandidaten, die halten das keine Minute lang durch.“
Krüger sagt: „Ohne Hilfe würden die die Ausbildung nicht schaffen. Aber sie müssen auch viel dafür zu tun. Sie setzen sich am freien Samstag hin und arbeiten ihre Zielvereinbarungen ab.“
Manchmal klingelt an so einem Wochenende sein Handy. „Herr Krüger, ich hab’ vergessen, was ich machen soll.“ Krüger lächelt. „Das ist ein gutes Zeichen: Er weiß, dass er das schaffen muss.“
Im Betrieb seien seine Schützlinge eigentlich alle zufrieden, sagt Krüger. „Aber wir müssen immer nah dran bleiben: Sind sie pünktlich? Kommen sie klar? Wie ist die Motivation?“
Bei der Agentur für Arbeit sagt Uwe Jeske: Es geht darum, die Zahl der Ausbildungsabbrüche zu senken. Es geht darum, mehr Hauptschüler in die Ausbildung zu bekommen. Wie sagt die Handwerkskammer immer? „Die Region muss alle Kräfte für den Arbeitsmarkt mobilisieren.“
Feierabend. Bei Paul Menzel, Sanitär und Heizung, sitzen alle beim Tee zusammen: Chef Ralf, Vater Paul, Mutter, Schwester, Angestellte, Ingo. Ingo erzählt von seinen Plänen: Er will seine Ausbildung schaffen, danach vielleicht noch ein bisschen im Betrieb als Geselle arbeiten. „Aber mein Traum ist es, dann nach Bremen zu ziehen. Ich bin ja großer Werder-Fan, da möchte ich leben.“
Ralf Menzel seufzt. „Wieder einer, der weg wäre“, sagt er.
Ingo grinst sein breites Grinsen. Seine Zukunft als Handwerker hat begonnen, sie fühlt sich gut an.
