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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft

Abgas-Skandal: Tag der Abrechnung bei Volkswagen

23.06.2016

Hannover Tag der Abrechnung bei Volkswagen: Der VW-Großaktionär Niedersachsen verweigert dem Konzernvorstand wegen offener Fragen in der Abgas-Affäre eine komplette Entlastung für das vergangene Jahr. Konkret verweigerte Niedersachsen mit seinem 20-Prozent-Anteil an Volkswagen dem zurückgetretenen Ex-Konzernchef Martin Winterkorn und dem amtierenden VW-Markenchef Herbert Diess den Vertrauensbeweis.

Kriminelle Energie, Vollkasko-Mentalität, Täter statt Opfer – schon die Wortwahl der ersten Redner auf der VW-Hauptversammlung zeigte zuvor unmissverständlich: Die Stimmung unter den Aktionären war vergiftet. Gleich der erste, Manfred Klein aus Saarbrücken, wurde in seiner auf fünf Minuten begrenzten Redezeit deutlich: „Hier wurde ohne rot zu werden gelogen und betrogen“, brüllte er ins Mikrofon – er sprach von Dieselgate, dem Betrug bei Abgaswerten von Millionen Autos und der Aufklärung des Skandals.

Nach wenigen Minuten wurde ihm der Ton am Mikro abdreht – er habe zu lange geredet. Auf den Monitoren in der Messehalle in Hannover konnten die Aktionäre nur noch seine hektischen Gesten sehen. Klein war mit seiner Meinung aber nicht alleine.

Das zeigte sich bei der ersten Abstimmung. Die Inhaber Zehntausender Stammaktien forderten, VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch die Versammlungsleitung zu entziehen. Gegen die Macht der Großaktionäre, darunter vor allem die Familien Porsche und Piëch, hatten sie zwar keine Chance. Aber ihr Ärger spiegelte die Stimmung im Saal. Die heile und erfolgsverwöhnte Volkswagen-Welt war aus den Fugen geraten.

Mehr noch: Die ungeklärte Schuldfrage für die millionenfache Manipulation an Diesel-Motoren steckte neun Monate nach Bekanntwerden wie ein Stachel im Fleisch der Aktionäre. Immer wieder war vom Konzernversagen die Rede.

Pötsch selbst betonte bereits vor der Hauptversammlung, dass dem Unmut mit Demut begegnet werden müsse. Immerhin habe sich VW die Krise selbst eingebrockt.

Als einst zweitmächtigster Vorstand neben dem zurückgetretenen Vorstandschef Martin Winterkorn ist Pötsch für viele ein rotes Tuch. Dass die mächtigen Familien Porsche/Piëch, das Land Niedersachsen und der Wüstenstaat Katar Pötsch das Vertrauen aussprachen, änderte daran nichts. Reihenweise betonten die Redner, dass sie Pötsch nicht in den Aufsichtsrat wählen wollen. Die Nachwahl war nötig, da Pötsch im Oktober nur per Gericht in das Kon­trollgremium bestellt wurde.

Zu früh, sagten andere Kritiker, denn im Normalfall schreibt der Kodex für gute Unternehmensführung eine Pause von zwei Jahren vor – um Interessenskonflikte zu verhindern. Pötsch aber wechselte innerhalb von wenigen Stunden die Schreibtische. Aber nicht nur an der Person Pötsch schieden sich in Hannover die Geister.

Für den Abend wurde die Entlastung des Vorstandes erwartet. Auch sie galt für das Krisenjahr 2015 als Seismograph für die Stimmung. Bereits vor knapp vier Wochen hatte der Aufsichtsrat em­pfohlen, die aktuellen Vorstände und auch die seit Dieselgate ausgeschiedenen Mitglieder wie Ex-Konzernchef Martin Winterkorn zu entlasten. Mit dem Vertrauensbeweis sollte der Vorstand in der stürmischen See Rückenwind erhalten und der Markt beruhigt werden.

Aus Sicht des Vorsitzenden der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Ulrich Hocker, ist eine Aufarbeitung der Krise mit den bisherigen internen Ermittlungen nicht möglich. Die VW-Aktie habe 50 Prozent eingebüßt, VW stehe vor einem Trümmerhaufen, betonte Hocker. Deshalb müsse ein Sonderprüfer bei VW eingesetzt werden. Nur so könne etwa geklärt werden, wann der Vorstand Kenntnis von der Manipulation von Abgaswerten bei Dieselmotoren hatte.

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