Thomas Hildebrandt, Hauptgeschäftsführer der Oldenburgischen IHK, freut sich über die vielen neuen Mitglieder in der künftigen Vollversammlung der Kammer. Im Interview mit der NWZ äußert er sich auch zur Wahlbeteiligung und zum geringen Frauenanteil im „Parlament der regionalen Wirtschaft“.
Unter den 76 Mitgliedern der künftigen IHK-Vollversammlung werden gleich 46 neue Köpfe vertreten sein. Wie bewerten Sie das?
HildebrandtWir freuen uns über die neuen Mitglieder. Das bringt immer eine gewisse Dynamik mit sich, neue Ideen, neue Sichtweisen. Es ist grundsätzlich gut, wenn wir mit einem lebendigen Austausch in diesem Gremium rechnen können – und so wird es kommen.
Die Vollversammlung gilt als wichtigstes Gremium der IHK und als „Parlament der regionalen Wirtschaft“. Sie soll die Interessen der regionalen Betriebe gegenüber Politik und Verwaltung vertreten.
Bei der Wahl, die vom 6. bis 27. Mai stattfand, waren 76 Sitze zu vergeben. Wahlberechtigt waren alle 69 370 Mitgliedsunternehmen der Oldenburgischen IHK. Insgesamt gab es zehn Wahlgruppen (Branchen), für die je nach Bedeutung ihrer Branche im Oldenburger Land in der Vollversammlung zwischen drei und 19 Sitze zur Verfügung stehen.
Am 13. Juli wählen die 76 Vertreter bei der konstituierenden Sitzung den neuen IHK-Präsidenten. Amtsinhaber Gert Stuke darf satzungsgemäß nach zwei Wahlperioden nicht wieder antreten.
Die Wahlbeteiligung lag bei nur neun Prozent. Sind Sie enttäuscht über diese Resonanz?
HildebrandtNein, wenn man die Randbedingungen sieht, nicht. Dazu mal folgende Aspekte, die die meisten nicht kennen werden: Das Besondere an den IHK-Wahlen besteht u. a. darin, dass die Wahlberechtigten eine sehr heterogene Gruppe sind, mit unterschiedlich ausgeprägtem Bezug zur IHK. Wahlberechtigt sind sowohl Firmen als auch natürliche Personen, die als Einzelunternehmerinnen oder -unternehmer tätig sind. Beispiele: Manche Firmen haben kein operatives Geschäft, nehmen also nicht aktiv am Geschäftsleben teil. Mancher übt seine gewerbliche Tätigkeit im Nebenerwerb aus oder nutzt sein privates Dach zur Energiegewinnung durch eine Photovoltaikanlage usw. Das Wahlrecht gilt jedoch ausnahmslos für alle, und das ist auch richtig. All dies zeigt, dass die Wahlbeteiligung nicht nur nach absoluten Zahlen bewertet werden kann, sondern relativ ist. Gleichwohl ist eine höhere Beteiligung immer besser.
Die IHK hatte vor der Wahl vor allem Frauen dazu ermutigt, sich für die Wahl aufzustellen. Nun werden auch in der neuen Vollversammlung nur 13 Frauen – und damit sogar weniger als in der vorherigen Wahlperiode – vertreten sein. Woran liegt es?
HildebrandtJa, wir haben gezielt Unternehmerinnen und deren regionale Netzwerke und Verbände angesprochen und hatten uns deshalb einen höheren Anteil an Frauen in der Vollversammlung erhofft. Im Ergebnis spiegelt sich letztlich, dass es leider noch zu wenig Frauen in Führungspositionen gibt. Vielleicht liegt es außerdem daran, dass sich Frauen bei der Vertretung wirtschaftlicher Interessen anders vernetzen.
Coronabedingt fanden die Wahlen erstmals online sowie per Brief statt. Hat sich das bewährt und könnte dies auch eine Option für die nächste IHK-Wahl sein?
HildebrandtEindeutig. Es ist einfacher, es geht schnell, und es ist ja heutzutage doch fast normal, dass man solche Dinge online anbietet. Bei unserer Wahl haben jetzt über 45 Prozent online gewählt. Wenn es rechtlich möglich sein wird, kann ich mir sogar eine reine Online-Wahl vorstellen. Im Übrigen werden wir in fünf Jahren wahrscheinlich doch sehr viel mehr digital erledigen.
Was erhofft sich die IHK-Geschäftsführung vom neuen „Parlament der regionalen Wirtschaft“?
HildebrandtKeiner weiß wirklich so genau, wie die „Post-Corona-Zeit“ aussehen wird. Auch die Vollversammlung wird sich aber mit den Folgen der Pandemie beschäftigen und damit, wie die Wirtschaft widerstandsfähiger werden kann. Generell gibt es große Umbrüche, deren Chancen und Herausforderungen wir auch in unserer Region annehmen müssen. Da ist es wichtig, wenn man sich mit engagierten Unternehmerinnen und Unternehmern austauschen kann. Viele sind hoch motiviert und „zukunftshungrig“.
