NWZ
-Tischgespräch. Ort des Gesprächs: das Amtszimmer Giesers in der alten Pastorei der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde an der Oberrege 17.Der Raum, von Bücherwänden mit verschiedenster Literatur eingerahmt, ist naturgemäß und von Amts ein Ort für Themen wie Schuld und Vergebung. Hier finden die seelsorglichen Gespräche statt.
Bei diesem Tischgespräch geht es um Schuld und Sühne– nämlich um die Tötung Osama bin Ladens in dieser Woche und die damit verbundene ethische Debatte in Deutschland.
„Ich fand es schon bemerkenswert“, beginnt Giesers. „Die jubelnden Menschen in den USA“, fügt er hinzu. Dieser Bilder haben ihn zumindest ein Stück weit an fanatisch feiernde Menschen im Orient erinnert.
„Irritierend finde ich die Aussage von Kanzlerin Merkel empfunden“, so der Pastor. „Sie ist schließlich eine Pastorentochter und ist in einem Pfarrhaus aufgewachsen.“ Er schweigt einen langen Moment, dann sagt er: „Ihre Aussage passte nicht dazu.“
In einem Pfarrhaus, so Giesers aus eigener Erfahrung, sind ethische Fragen viel präsenter. „Das erkenne ich bei meiner eigenen Tochter“, sagt er. Die 16-Jährige habe sehr betroffen davon berichtet, dass ihre Mitschüler die Todesstrafe als legitimes Mittel zur Bestrafung einstufen.
„Töten ist grundsätzlich keine Option“, so der Geistliche. Das fünfte Gebot, sagt er, „ist umfassend“. Das gelte auch für Menschen, die mit diesem Gebot von Berufs wegen in Konflikt geraten, wie Soldaten oder Polizisten. „Auch für sie gilt dieses Gebot“, so der 58-Jährige.
„Bleiben nie ohne Schuld“
„Das ist ihre Wirklichkeit. Wir bleiben nie ganz ohne Schuld.“ Giesers sagt dies nicht verurteilend, sonders mit Verständnis. „Das Schrecken, einen Menschen getötet zu haben, verfolgt die Betroffenen über Jahre. Das gilt auch für Menschen, die im Straßenverkehr in diese Situation geraten.“
Der Glaube biete Hilfestellung, etwa durch die Schuldbefreiung beim Abendmahl. „Die Last kann die Liturgie aber nicht ganz nehmen, dafür gibt es dann die Seelsorge“, so Giesers.
Die Freude über den Tod eines Menschen, wie im Fall von der Tötung bin Ladens, habe für ihn einen alt-testamentarischen Charakter. „Da ging es noch um Vergeltung und Rache“, so der Pastor, „diesen Punkt hat sowohl das Christentum als auch der moderne Rechtsstaat überwunden.“
„Teufelskreis beginnt“
Giesers wirkt nachdenklich. Er warnt vor einer solchen Haltung. „Damit beginnt der gleiche Teufelskreis immer wieder.“ Die Haltung des Christentums bedeutet aber nicht, dass man sich nicht wehren darf. „Wenn du geschlagen wirst“, spricht der Theologe sinnbildlich, „darfst du zurückschlagen.“
Giesers erklärt seine Aussage: „Das Christentum ist nicht wehrlos. Man darf zurückschlagen, wenn man geschlagen wird. Nur wenn der Gegner am Boden liegt, muss man ihm wieder die Hand reichen und ihm Helfen, aufzustehen.“ Es nützt nichts, wenn man Hass für einen anderen empfindet. Giesers: „Hass frisst uns von Innen auf.“
