Tossens - Vorsichtig neigt Marrit Bijl das Schälchen mit den vier Kammern, damit nur genau so viel Milch darin übrig bleibt, wie für den Test nötig ist. Die junge Frau aus dem Ammerland träufelt eine rote Substanz dazu. Nun muss sie genau beobachten, was passiert, ob die Milch womöglich schlierig wird. Die beiden Prüfer, die der Auszubildenden eben noch mit Argusaugen auf die Finger geguckt haben, machen sich Notizen, nicken mit dem Kopf.
Großer Auftrieb auf dem Hof Cornelius in Kleintossens: Dort haben sich am Donnerstagnachmittag 13 angehende Landwirtinnen und Landwirte eingefunden, um den Bezirkswettbewerb der Landwirtschaftskammer Niedersachsen im Melken auszutragen. Die jungen Leute, die an ihren Berufsschulen in Varel und Rostrup für die Teilnahme an dem Wettbewerb ausgewählt worden sind, wollen Beweisen, dass sie zu den Besten der Besten ihrer Zunft zählen. Dafür haben sie gerade eben schon einen Theorie-Teil absolvieren müssen. Nun steht die Praxis auf dem Programm. Und die beginnt für die Azubis aus den Landkreisen Wesermarsch, Ammerland und Friesland, die sich allesamt im dritten Lehrjahr befinden, mit dem sogenannten Schalmtest; der dient der Untersuchung der Milch.
Die Prüfer achten dabei ebenso wie später beim Melken zum Beispiel darauf, ob die Azubis die Kuh richtig „ansprechen“. Damit das jeweilige Tier sich nicht erschrickt, müssen die Prüflinge ihm zunächst über eines der Hinterbeine streichen, dann das Euter mit einem Küchentuch säubern. Das hat nicht nur hygienische Gründe, sondern setzt auch ein Hormon frei, das den Milchfluss begünstigt.
Einer nach dem anderen sind die Azubis an der Reihe. Unter ihnen auch Sean-Patrick Schmidt, der auf dem Hof Cornelius lernt. Heimvorteil für den 19-Jährigen aus dem Kreis Cuxhaven? Vielleicht, denn natürlich kennt er den vor zwei Jahren gebauten Melkstand, auf dem pro Stunde hundert Kühe gemolken werden können, aus dem Effeff. Aber andererseits funktionieren eben auch alle Melkstände mehr oder weniger gleich, überlegt der Azubi. „Vor allem muss man eben einfach wissen, was man tut“, sagt Sean-Patrick Schmidt.
Und das wissen er und seine zwölf Kontrahenten genau, denn sonst wären sie gar nicht hier. Nur zwei Teilnehmer des alle zwei Jahre stattfinden Wettbewerbs qualifizieren sich indes für den Anfang April in Echem im Kreis Lüneburg stattfindenden Landesentscheid. Geschafft haben das Tammo Reil aus Wardenburg als Erst- und Hauke van der Wielen aus dem Wangerland als Zweitplatzierter.
In den Landkreisen Wesermarsch, Friesland und Ammerland absolvieren zurzeit insgesamt 240 junge Leute eine Ausbildung zum Landwirt oder zur Landwirtin. Das ist nach Auskunft von Ralf Minits von der Bezirksstelle Oldenburg-Nord der Landwirtschaftskammer viel. Niedersachsenweit befinden sich nach seinen Worten derzeit rund 2000 angehende Landwirte in der betrieblichen Ausbildung – 800 mehr als 2003, dem Jahr, in dem die Ausbildungszahlen ein historisches Tief erreicht hatten. Fast die Hälfte der jetzt im Einzugsbereich der Bezirksstelle Oldenburg-Nord tätigen Azubis stammt nicht aus der Landwirtschaft. Ebenfalls ein Trend ist, dass der Anteil der weiblichen Azubis steigt.
Trotz steigender Azubi-Zahlen fehlen indes auch in der Landwirtschaft Fachkräfte. Strukturwandel und Spezialisierung lassen es in der Regel nicht mehr zu, einen landwirtschaftlichen Betrieb alleine mit Familienangehörigen zu betreiben. Entsprechend gut sind die Perspektiven für den Berufsnachwuchs.
