Jever/Oldenburg/Bremen/Leer - Curd Zschoppe ist nicht aus der Ruhe zu bringen. Ein halbes Pfund gemahlener Kaffee aus Kolumbien aus der goldfarbenen Schütte für den Kunden am Tresen, zwei Tassen Cappuccino für Tisch zwei, die Rechnung für die Gäste auf den Plätzen daneben: Seine Produkte rund um die dunkelbraune Bohne sind gefragt.
Seit 2007 betreibt er mit seiner Frau Anja eine Kaffeerösterei mit Café in Jever. „Damals gehörten wir damit hier im Ort zu den Exoten“, sagt der 54-Jährige. Heute ist seine Privatrösterei eine gefragte Adresse für Stammkunden und Touristen. Und damit ist er längst kein Einzelfall.
„Es gibt aktuell rund 650 Kaffeeröstereien“, sagt Holger Preibisch, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Kaffeeverbands. In den 70er- und 80er-Jahren hatten viele Kleinröster größere wirtschaftliche Schwierigkeiten. Der Grund, so der Kaffeeverband, war die Zahl der Supermärkte, die in die Höhe schnellte und damit auch das Angebot von haltbarem vakuumverpacktem Kaffee. Viele Kleinröster konnten da nicht mithalten.
Sechs Tonnen pro Jahr
Aktuell fände wieder ein Wachstum in der Branche statt, teilt der Kaffeeverband mit. Das kann Zschoppe nur bestätigen. Im Oktober vergangenen Jahres konnte das Ehepaar Zschoppe sogar ein weiteres Café in Wilhelmshaven eröffnen. Der dort angebotene Kaffee stammt natürlich aus der eigenen Rösterei. Etwa sechs Tonnen Rohkaffee röstet er pro Jahr.
Rund 20 Euro kostet das Kilo Kaffee in einer Rösterei, im Supermarkt zahlt man teilweise nur die Hälfte des Preises. „Die Kunden schätzen es, dass die Bohnen hier vor Ort traditionell geröstet werden.“ Traditionell bedeutet, dass sie schonend bei hohen Temperaturen 18 bis 20 Minuten lang geröstet werden, so der 54-Jährige.
So werde der Kaffee bekömmlicher, enthalte weniger Säure und entfalte mehr Aroma. Konventioneller Kaffee werde deutlich stärker erhitzt und nur eineinhalb bis sechs Minuten geröstet, erklärt Zschoppe.
Mit Milch und Zucker?
Mit Milch und Zucker? Das kommt Hendrik Nölker nicht in die Tasse, wenn es um Kaffee geht. „Ich bin da Purist“, sagt der Oldenburger. Gemeinsam mit seinem Vater Jörg Nölker röstet er in Oldenburg Kaffee. Die Rösterei gründete sein Großvater in den 50er Jahren. Auch hier sei die steigende Nachfrage zu spüren, so der 32-Jährige. Trotz dessen bleibe für ihn die Branche eine Liebhaberei. Ein- bis zweimal im Monat wird in der Oldenburger Rösterei der Probat-Kaffeeröster eingeschaltet, um bis zu 40 Kilo Kaffee auf einmal zu rösten.
Den Trend zur regionalen Röstereitradition schätzt Natalie Prüße von der Kaffeerösterei Münchhausen in Bremen positiv ein. „Weniger Verpackung, weniger Transporte und geringere Lagerhaltung sorgen für weniger Umweltbelastung. Die Kunden erhalten bessere Qualitäten, da kleine Röstereien nicht über den Preis, sondern über die Qualität ihrer Ware bei den Verbrauchern punkten“, sagt sie.
Auf Bio- und Fairtradewaren hat Arne Höper, von Contigo in Oldenburg, sein Augenmerk gelegt: An beiden Kriterien zeigten Kunden großes Interesse, sagt er. „Unsere Rohkaffees kommen aus Äthiopien, Mexiko, oder Bolivien. Der Trend für hochwertige Bohnen wird weiter wachsen, da einer zunehmend größeren Kundschaft die Qualität und der Geschmack wichtiger ist als der Preis“, so Höper.
Der Kaffeeverband bestätigt das: „Bereits jede zehnte Tasse Kaffee stammt heute aus zertifiziert nachhaltigem Anbau“, sagt Holger Preibisch. Den Anteil von nachhaltigen Kaffees, die ein Zertifikat oder Siegel tragen (einschließlich Bio-Kaffee), schätzt der Kaffeeverband auf rund 10 Prozent am Gesamtmarkt für das Jahr 2015. Im Vorjahr waren es 8 Prozent.
Wert von Bio-Produkten
Dem Thema Bio und Fairtrade steht Andreas Baum von der Rösterei Baum in Leer mit gemischten Gefühlen gegenüber. „Die Grundidee ist super – die Umsetzung darf gern kontrovers diskutiert werden“, sagt er. Daher habe man sich in der Rösterei Baum gegenwärtig gegen jegliche Labels ausgesprochen. „Wir legen den Fokus lieber auf Kaffees, von denen wir wissen, was wir bekommen. Noch sind wir für einen lupenreinen ,Direkt Trade’, also den Bezug des Kaffees ohne Zwischenhändler, zu klein, aber es gibt mittlerweile einige kleine Direktimporteure, die extrem transparent arbeiten, an sehr gute Qualitäten herankommen und eben auch vor Ort im Ursprungsland versuchen, im Einklang mit den Einheimischen die Lebens- und Qualitätsstandards zu verbessern“, sagt Baum.
Ob man sich nun für den gerösteten Kaffee aus der Rösterei von nebenan oder lieber für das vakuumverpackte Pulver vom Großhändler entscheidet, ist letztendlich Geschmackssache. Großes Potenzial hat die Branche in jedem Fall, so war Kaffee noch vor Mineralwasser und Bier das Lieblingsgetränk der Deutschen im Jahr 2015, teilt der Kaffeeverband mit. 162 Litern Kaffee trank der Deutsche durchschnittlich im vergangenen Jahr.
