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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft

Wirtschaftskrise In Russland: Traditionelles Festessen mit Müh und Not

31.12.2015

Moskau Für die meisten Russen ist eine Silvesterfeier ohne Oliviersalat unvorstellbar - schließlich gilt dieses Gericht als ein Symbol für kommenden Wohlstand. Aber in diesem Jahr ist diese Tradition für viele eine bittere Erinnerung daran, wie sehr sich Rezession und westliche Sanktionen mittlerweile auf ihr Leben auswirken. Stark gestiegene Lebensmittelpreise machen die Zubereitung der Mischung aus Hühnchen, Kartoffeln, Erbsen, Karotten und Mayonnaise diesmal deutlich teurer - um 35 Prozent, wie die russische Statistikbehörde mitteilte.

Dabei ist das Gericht in dieser Zusammensetzung schon eine einfachere Variante als das Original, das ein belgischer Koch im 19. Jahrhundert einführte. Reichere Zutaten wie Moorhuhn und Krebs waren bereits wegen Nahrungsmittelknappheit während der Sowjetära gestrichen worden.

Mit der russischen Wirtschaft geht es seit mehreren Jahren bergab, wegen Sanktionen und gesunkener Preise von Öl, Russlands wertvollem Exportgut. Aber für viele wird es wohl das erste Silvester seit einem Jahrzehnt sein, dass sie die Folgen der Rezession direkt am Esstisch zu spüren bekommen.

„Vorher konntest du dir Schmuck und teures Parfüm zum neuen Jahr kaufen“, sagt der 65-jährige Nikolai Skomorochow. „Diesmal geht es um das bloße Minimum.“ Das, was er sich gewöhnlich zu den Feiertagen gekauft habe, sei im Laufe des Jahres 30 bis 40 Prozent teurer geworden, schildert der Rentner, der im nordwestlichen Waldai wohnt und über die Feiertage auf Besuch bei seinen Kindern in Moskau ist.

Die russische Währung, der Rubel, hat nach einem massiven Kursverlust 2014 in diesem Jahr weiter deutlich an Wert verloren, das hat importierte Waren verteuert. Ein russisches Verbot westlicher Nahrungsmitteleinfuhren als Vergeltung für europäische und amerikanische Wirtschaftssanktionen hat die Verknappung noch verschlimmert und die Preise weiter in die Höhe getrieben. Nach offiziellen Angaben sind die Verbraucherpreise 2015 um zwölf Prozent gestiegen, aber die Kosten für Einkäufe zum neuen Jahr spiegeln eine deutlich höhere Inflationsrate wider.

Der Oliviersalat enthält mehrere Grundnahrungsmittel. Wie viel man für die Zubereitung ausgeben muss, dient daher manchmal inoffiziell als ein Gradmesser für den Anstieg der Lebenshaltungskosten. Tatsächlich hat sich nicht nur dieses Gericht drastisch verteuert. Ein typisches Festessen für zwei Personen mit Gemüse, Wurst, Käse, Gewürzgurken und Hühnchen auf den heimischen Tisch zu bringen kostet umgerechnet 73 Euro, 28 Prozent mehr als 2014.

„Dieses Jahr feiern die Russen ohne große Freude, weil das Jahr hart war“, sagt Marina Krasilnikowa vom Meinungsforschungsinstitut Lewada. „Die Menschen haben weniger Vertrauen in die Wirtschaftslage des Landes.“

So lagen denn auch die Einzelhandelsumsätze im November um 13 Prozent niedriger als im Vorjahr - der stärkste Rückgang seit 2000, wie das Ministerium für Wirtschaftsentwicklung jetzt mitteilte. Das liege daran, dass viele Russen nicht nur bei langlebigen Wirtschaftsgütern, sondern auch bei Nahrungsmitteln den Gürtel enger schnallten.

Diese Entwicklung spielte auch unlängst bei der Jahrespressekonferenz von Präsident Wladimir Putin eine herausragende Rolle. Journalisten von staatseigenen Medien, die sonst nicht für harte Fragen bekannt sind, löcherten den Präsidenten diesmal in Sachen sinkende Einkommen und Lebensstandards. Dennoch neigt die Mehrheit der Russen nicht dazu, Putin für die Probleme verantwortlich zu machen, sondern allgemein die Regierung. Der Präsident ist wegen seiner Annexion der Krim-Halbinsel im vergangenen Jahr weiter populär.

Die 81-jährige Iraida Robkowa sagt, dass die 2000er Jahre wahrscheinlich die sichersten und glücklichsten ihres Lebens waren, bis dann die Talfahrt der Wirtschaft einsetzte. „Wir konnten frei sagen, was wir wollten, kaufen, was wir wollten, reisen, wohin wir wollten, und die Preise waren nicht so hoch.“ Heute könne sie sich nur deshalb ein Festessen zum Jahreswechsel erlauben, weil ihre Tochter und ihr Schwiegersohn sie finanziell unterstützten.

Robkowa macht Putins Minister für die Misere verantwortlich. „Putin hat etwas Großes vollbracht: Er hat uns die Krim zurückgeholt“, sagt die Frau, die in Moskau lebt. „Aber die Dinge sind schwierig für ihn. Sein Team ist schwach.“

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Volkswirtschaftlern zufolge lassen niedrigere Einkommen und höhere Preise Millionen Menschen wieder unter die Armutsgrenze zurückfallen. Ungefähr 39 Prozent der Russen sagen heute, dass sie entweder zu wenig Geld zum Kauf von Lebensmitteln haben oder sich keine neue Kleidung leisten können, wie aus einer jüngsten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts VTsIOM hervorgeht. Vor einem Jahr waren es 22 Prozent.

Die Zeiten werden auch für jene härter, die ihre ländlichen Heimatregionen verlassen haben, um in Moskau und anderen großen Städten besser bezahlte Jobs zu finden. Asja Jusupowa etwa zog aus dem wirtschaftlich am Boden liegenden Dagestan im Süden in die Hauptstadt. Jetzt arbeitet sie 12 Stunden am Tag als Babysitterin und wohnt bei ihren Arbeitgebern. Den offiziellen Angaben zur Inflationsrate glaubt die 47-Jährige nicht. Alles sei sehr viel teurer. „Ich muss bei der Kleidung kürzertreten“, sagt sie. „Ich würde auch gern für zusätzlichen Unterricht für meine Kinder nach der Schule zahlen, aber ich kann es mir jetzt nicht erlauben.“

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