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Über den Wert ethischen handelns Moral und Gewinn


Die Skandale der Deutschen Bank sind so zahlreich, dass die meisten längst vergessen sind. Das Victory-Zeichen dagegen, mit dem Josef Ackermann 2004 im Mannesmann-Prozess posierte, bleibt in Erinnerung. Der Schnappschuss machte den Ex-Chef der Bank zum Inbegriff der Arroganz der Mächtigen. Kein anderes Bild steht im kollektiven Gedächtnis so sehr für eine abgehobene Managementelite, die moralische Werte bedenkenlos dem wirtschaftlichen Erfolg opfert.
Oliver Berg

Die Skandale der Deutschen Bank sind so zahlreich, dass die meisten längst vergessen sind. Das Victory-Zeichen dagegen, mit dem Josef Ackermann 2004 im Mannesmann-Prozess posierte, bleibt in Erinnerung. Der Schnappschuss machte den Ex-Chef der Bank zum Inbegriff der Arroganz der Mächtigen. Kein anderes Bild steht im kollektiven Gedächtnis so sehr für eine abgehobene Managementelite, die moralische Werte bedenkenlos dem wirtschaftlichen Erfolg opfert.

Oliver Berg

Anfang 2015, irgendwo in den USA. Drei Frauen sitzen in einem Kombi. „Wie gefällt euch mein neues Auto?“, fragt die Erste vom Fahrersitz aus. „Es ist wundervoll, aber sind Diesel nicht dreckig?“, fragt die Zweite. „Früher waren sie dreckig, aber wir haben 2015“, entgegnet die Erste, und bittet ihre Freundinnen nach draußen. Dort hält sie ihren schneeweißen Schal bei laufendem Motor vor den Auspuff. Nicht mal ein Schatten fällt darauf. Sanfte Überblendung, das VW-Logo erscheint, der Spot ist zu Ende.

Zu dieser Zeit ermittelt die US-Umweltschutzbehörde EPA bereits gegen den Autokonzern. Auch das Justizministerium, die Generalstaatsanwaltschaft von New York und die Verbraucherschutzbehörde FTC leiten Verfahren ein. Es geht um Betrug, Behinderung der Justiz, irreführende Werbung und weitere Vorwürfe. Im September 2015 erfährt die Öffentlichkeit von dem Fall: Volkswagen hat eine illegale Software in die Motorsteuerung von Dieselfahrzeugen eingebaut, um die strengen Umweltprüfungen in den USA zu hintergehen.

Es ist der Auftakt zum größten Skandal in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte. Er kostet Milliarden, und er erschüttert weltweit das Vertrauen in die Schlüsselindustrie der Bundesrepublik: die Autobranche.

Ausgerechnet. Gerade bei Volkswagen hätten sie es schließlich besser wissen müssen. Denn es ist nicht der erste Skandal des Konzerns, und immer spielen Verfehlungen des Managements dabei die entscheidende Rolle. Gerade mal zehn Jahre liegen zwischen Dieselgate und dem Bekanntwerden der Korruptionsaffäre 2005: Die Firmenleitung hatte sich das Wohlwollen von Mitgliedern des Betriebsrats mit Geldzuwendungen und Lustreisen zu Prostituierten nach Brasilien erkauft. Der frühere Personalvorstand Peter Hartz, Ex-Betriebsratschef Klaus Volkert und der ehemalige Personalvorstand der VW-Tochter Škoda werden rechtskräftig verurteilt.

Zehn Jahre zuvor hatte VW-Patriarch Ferdinand Piëch den Sanierer José Ignacio López vom Konkurrenten Opel abgeworben. Der Spanier wird seinem Ruf als Kostenkiller schnell gerecht, indem er die Preise der Zulieferer mit rigoroser Härte drückt. Dabei kommt es ihm zugute, dass er weiß, was sein alter Arbeitgeber den Zulieferern zahlt. Opel klagt gegen VW, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verrats von Geschäftsgeheimnissen, eine Schlammschlacht samt Bespitzelungen durch Privatdetektive beginnt. López muss bei VW zurücktreten, die Wolfsburger zahlen 100 Millionen Dollar an die damalige Opel-Mutter GM, angeblich nur für Anwaltskosten. Der Prozess wird gegen Bußgelder eingestellt.

Aus dem Schaden ist Volkswagen nicht klug geworden. Auch in der Dieselaffäre hoffen die Verantwortlichen offenbar zunächst, die Sache aussitzen zu können. Es gab Zeiten, in denen wären sie womöglich sogar mit einem blauen Auge davongekommen. Doch inzwischen hat sich in der Wirtschaft etwas Grundlegendes verändert. Betrug, Korruption und Mauscheleien sind keine Kavaliersdelikte. In der digitalen Welt ist es zudem nicht mehr so leicht, Skandale und Affären unter den Teppich zu kehren. Denn die Frage nach der unternehmerischen Verantwortung, Neudeutsch Corporate Social Responsibility (CSR), wird immer lauter gestellt. Sie drängt das lange als Gutmenschentum abgetane Thema ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Plötzlich stellen die Unternehmen fest, dass es da draußen Leute gibt, die ihre Compliance-Berichte tatsächlich lesen. Und dass es auffällt, wenn sie nicht mehr als Schönfärberei enthalten.

„Es sind drei Faktoren, die Unternehmen zu sauberem Handeln zwingen“, sagt Nick Lin-Hi, Professor für Wirtschaft und Ethik an der Universität Vechta. „Da ist zum Ersten der Verbraucher, der die Produkte der Firmen kaufen soll, zum Zweiten der Investor, dessen Geld sie brauchen, und zum Dritten der Mitarbeiter, auf dessen Arbeitskraft sie angewiesen sind.“

Alle drei, so schildert es Lin-Hi, haben die Macht, einen nachhaltigen Wertewandel in der Wirtschaft anzustoßen: Verbraucher legen zunehmend Wert darauf, dass Produkte unter sozial und ökologisch einwandfreien Bedingungen hergestellt werden. Investoren verteilen ihr Geld nicht mehr wahllos an möglichst renditeträchtige Unternehmen, sondern legen es gezielt nach ethischen Standards an. Und Mitarbeiter suchen sich Arbeitgeber, bei denen sie sinnvollen Tätigkeiten nachgehen, in denen die Hierarchien flach sind und sie anständig behandelt werden. „In Zeiten des Fachkräftemangels sitzen sie meistens am längeren Hebel“, sagt Lin-Hi.

Dabei ist verantwortungsvolles Unternehmertum keine neue Erfindung, im Gegenteil. Schon der angestaubt wirkende Begriff des „ehrbaren Kaufmanns“ meint nichts anderes, als sich in modernen CSR-Richtlinien findet. Er steht gleich im ersten Artikel des IHK-Gesetzes und verpflichtet die Kammern, für die „Wahrung von Anstand und Sitte des ehrbaren Kaufmanns zu wirken“. Für Hildegard Reppelmund, Referatsleiterin beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag, beschreibt der Satz nicht nur einen Auftrag an die Kammervertreter, sondern das Wesen des Unternehmers an sich: „Ein ehrbarer Kaufmann hat Werte – das ist, was ihn ausmacht. Er hält Gesetze ein und besiegelt Geschäfte per Handschlag.“

Die Mehrheit aller Wirtschaftstreibenden lebe nach diesen Grundsätzen, so Reppelmund. Dennoch herrsche in der Öffentlichkeit ein anderes Bild. Viele Unternehmer fühlten sich geradezu kriminalisiert; in Fernsehserien seien sie auf die Rolle der Bösen gebucht.

Was zum einen sicher daran liegt, dass sich Serien über Fehltritte, Affären und Skandale gut verkaufen. Und zum anderen daran, dass es eben doch so viele Fälle davon gibt.

Fast jeder vierte Manager in Deutschland gab 2017 in einer Umfrage von EY an, für persönliche Vorteile den ehrbaren Kaufmann einen guten Mann sein zu lassen. Und jeder zweite will schon Fälle im eigenen Unternehmen beobachtet haben, in denen die Regeln von Sitte und Anstand gebrochen wurden. Was zeigt: Die Versuchung ist niemals fern.

Auch Tom Nietiedt ist ihr schon begegnet.

Es sind die Jahre nach der Wiedervereinigung, als Tom Nietiedt für das Unternehmen seiner Familie in die neuen Bundesländer geht. In der stürmischen Phase, in der die alte Ordnung untergeht, aber die neue noch nicht gefestigt ist, trifft der junge Prokurist auf „viele wilde Wessis und wilde Ossis, die es mit der Moral nicht so genau nahmen“, wie sich Nietiedt erinnert. Die DDR-Wirtschaft kollabiert, was von ihr übrig bleibt, wird abgewickelt. Es sind zahlreiche Glücksritter unterwegs, wer schnell, clever oder skrupellos ist, kann ein Vermögen machen. Was zählen da schon Sitte und Anstand?

In gewisser Weise können sich bedenkenlose Geschäftemacher sogar auf eine Ikone der Wirtschaftswissenschaften berufen: Milton Friedman (1912–2006), Professor an der Universität von Chicago. Für ihn ist der Begriff Wirtschaftsethik ein Widerspruch in sich: Ethische Überlegungen hätten sozialistische Anklänge und folglich in der freien Marktwirtschaft nichts verloren. „Die soziale Verantwortung der Wirtschaft ist es, ihre Profite zu vergrößern“, sagt der libertäre Wissenschaftler, der 1976 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Die Summe ist groß – das Entdeckungsrisiko klein

Irgendwann in der undurchsichtigen Wendezeit erhält Nietiedt ein unmoralisches Angebot. Es ist ein Bestechungsversuch, so üppig, dass mancher sicher darauf eingegangen wäre. Zumal das Risiko, bei der Sache aufzufliegen, vergleichsweise gering erscheint. Doch Nietiedt widersteht. Er habe damals einen Rechtsanwalt eingeschaltet, sagt er, und sich anschließend „unendlich viel besser gefühlt“.

Heute ist Nietiedt der Chef seines Familienunternehmens; die Firmengruppe rund um Gerüstbau, Malerarbeiten und Dämmtechnik mit Stammsitz in Wilhelmshaven beschäftigt rund 600 Mitarbeiter. Fragt man ihn nach seinen unternehmerischen Grundsätzen, zitiert er einen Spruch, den schon kleine Kinder lernen: Ehrlich währt am längsten. „Kurzfristig kann man Aufträge verlieren, wenn man nicht alles mitmacht“, sagt Nietiedt, der auch Präsident des Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbands Jade ist. „Aber langfristig zahlt sich für mich persönlich Ehrlichkeit aus, auch in barer Münze, davon bin ich überzeugt.“

Das Problem: In Euro und Cent lässt sich das schwerlich nachweisen. Wie wollte man auch untersuchen, welche finanziellen Spätfolgen ein ausgeschlagenes Bestechungsangebot hat, die Weigerung, einem Kartell beizutreten, oder die Befolgung ethischer Standards in Situationen, in denen krumme Geschäfte kurzfristig lukrativer gewesen wären?

Wohl auch deswegen gibt es Manager, die sich beim Thema Ehrlichkeit an einen anderen Spruch halten, den ebenfalls jedes Kind kennt: Der Ehrliche ist der Dumme.

In einer Umfrage des Instituts der Deutschen Wirtschaft von 2018 sollten 850 Unternehmer schätzen, wie viel Umsatz ihnen durch Korruption, Kartelle oder Schwarzarbeit ihrer Rivalen verloren gehen. Jeder fünfte Befragte geht von Umsatzeinbußen in Höhe von zehn Prozent aus, jeder 50. Befragte schätzt sie sogar auf fast ein Drittel.

Und selbst wenn die Sache auffliegt, kommen die Übeltäter manchmal unbehelligt davon.

Die Runde hat einen illustren Rahmen für ihre Treffen gewählt: das Hamburger Nobelhotel „Atlantic“. Jahrelang kommen die Abgesandten von rund zwei Dutzend deutschen Wurstherstellern hier zusammen. Große Unternehmen wie PHW, Tönnies, Böklunder Plumrose und die Zur-Mühlen-Gruppe sind darunter, aber auch kleinere. Zu ihren Portfolios gehören bekannte Marken wie Herta, Meica, Wiesenhof und Rügenwalder. Das Thema der Runde: die Preisspannen für Wurst und Schinken. Es ist ein klassisches Kartell, und es hat die Folge, dass die Deutschen jahrelang zu viel an der Supermarktkasse für ihre Wurstwaren zahlen.

Als die Sache durch einen anonymen Hinweis auffliegt, verhängt das Bundeskartellamt 2014 Bußgelder von zusammen 388 Millionen Euro gegen die Hersteller. Die Summer erscheine zwar hoch, erklärt die Behörde, sie relativiere sich aber vor dem Hintergrund der großen Zahl der beteiligten Unternehmen, der Kartelldauer und der Milliardenumsätze der Branche.

Einige Hersteller klagen gegen die Geldbußen, darunter Rügenwalder. Doch vor dem OLG Düsseldorf scheitert das Unternehmen aus Bad Zwischenahn. Das Gericht verurteilt Rügenwalder und zwei Verantwortliche der Firma zur Zahlung von 5,5 Millionen Euro.

Ausnutzen von Gesetzeslücken – dreist oder clever?

Andere Kartellteilnehmer kommen besser weg. Unter anderem von Tochterunternehmen der Tönnies Holding können die Bußgelder nie eingetrieben werden. Die Firmen Böklunder Plumrose und Könecke Fleischwarenfabrik waren kurzweg liquidiert worden, den Geschäftsbetrieb hatte man zuvor auf andere Gesellschaften übertragen. Allein das Firmengeflecht von Clemens Tönnies kam so um die Zahlung von 128 Millionen Euro herum.

Der Fall geht als „Wurstlücke“ in die Geschichte des deutschen Kartellrechts ein; inzwischen ist das rechtliche Schlupfloch gestopft.

War Tönnies nun besonders dreist oder besonders clever?

Wie dem auch sei, der Fall hindert Tönnies vor einigen Monaten jedenfalls nicht, einen Vortrag zum Thema „Unternehmertum mit Verantwortung“ zu halten. Nachdem er in Paderborn vor 1600 Gästen über den Zusammenhang zwischen dem Bau von Elektrizitätskraftwerken und dem Kinderkriegen in Afrika räsoniert hatte, musste er als Aufsichtsratchef des Fußballbundesligisten Schalke 04 kurz pausieren. Ob seine Äußerungen beim Tag des Handwerks rassistisch waren oder nicht, blieb umstritten. Wie qualifiziert der Firmenboss ist, über verantwortliches Unternehmertum zu referieren, war dagegen kein Thema.

Tönnies herrscht über einen Branchenriesen mit einem Jahresumsatz von 6,7 Milliarden Euro im Jahr 2018 und Schlachthäusern von Wilhelmshaven bis Weißenfels in Sachsen-Anhalt. Er spricht nicht nur gern über verantwortliches Unternehmertum. Auch beim Onlineauftritt seiner Holding wird die Vokabel prominent platziert: „Tönnies bekennt sich zu seiner Verantwortung für Mensch, Tier und Umwelt und arbeitet kontinuierlich daran, wirtschaftliches Handeln, nachhaltige Entwicklung und soziale Verantwortung in Einklang zu bringen.“

„Und die Erde ist ein Scheibe“, fällt Matthias Brümmer dazu ein. Der Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in der Region Oldenburg und Ostfriesland prangert seit Langem miserable Arbeitsbedingungen und horrende Mieten insbesondere für die Werkvertragsbeschäftigten der Fleischindustrie an. Für Brümmer agiert die Branche zum Teil hochkriminell. Rechte der Arbeiter würden mit Füßen getreten. An dem laut Brümmer unsozialen Arbeitsmodell halte man aus reiner Profitgier fest – und um die Mitbestimmung zu verhindern. „Bei Tönnies wird dieses System auf die Spitze getrieben“, klagt der Gewerkschafter.

Soziale Standards gibt es nicht zum Nulltarif

Dass es auch anders geht, zeigt Goldschmaus. Das Unternehmen aus Garrel mit rund 1500 Mitarbeitern verzichtet inzwischen komplett auf Werkverträge. „Die Arbeit ist auch hier schwer, aber es geht sozialer zu“, sagt Brümmer. Rund 400 zuvor über Subunternehmen beschäftigte Mitarbeiter, die überwiegend aus Osteuropa stammen, sind 2017 in ein direktes Arbeitsverhältnis übernommen worden.

„Wir wollten nicht länger auf andere angewiesen sein“, sagt Josef Hempen, Geschäftsführer der Goldschmaus-Gruppe. Mit weniger als drei Prozent Fluktuation im Jahr bei den Beschäftigten weise die Firma aus Garrel im Branchenvergleich einen sehr niedrigen Wert auf. Goldschmaus bemühe sich außerdem, hochwertigen Wohnraum für die ehemaligen Werkvertragler zu schaffen und unterstütze deren Inte­gration mit Deutschkursen.

Bei anderen Firmen der Branche sind Missstände nach wie vor an der Tagesordnung, wie ein Bericht der Arbeitsschutzverwaltung in Nordrhein-Westfalen zeigt. Die Prüfer hatten im dritten Quartal des Vorjahres 30 Großschlachter und Fleischverarbeiter mit rund 17.000 Beschäftigten überprüft. Das Ergebnis: Es wurden mehr als 5800 Arbeitszeitverstöße festgestellt. In fast allen kontrollierten Betrieben gab es gravierende Verstöße gegen Arbeitsschutzvorschriften. Außerdem fielen unangemessene Lohnabzüge und unwürdige Unterkünfte auf.

Aus dem ernüchternden Bericht seiner Behörde folgert der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU): „Wir dürfen nicht zulassen, dass schwarze Schafe durch Umgehung des Arbeits- und Arbeitsschutzrechtes die soziale Marktwirtschaft untergraben und der ehrliche und verantwortungsvolle Unternehmer im Nachteil ist.“ Eine Gesellschaft, die sich einem sozialen Rechtsstaat mit christlichen Wurzeln verpflichtet fühle, könne unwürdige Arbeitsbedingungen weder in der Fleischindustrie noch in anderen Branchen hinnehmen.

Die klaren Worte zeigen, dass die Politik das Problem inzwischen erkannt hat. Die Verantwortung der Unternehmen erstreckt sich allerdings nicht nur auf das, was in den eigenen Werkshallen passiert. Sondern manchmal auch auf das Geschehen am anderen Ende der Welt.

Spätestens als sich die Zeitung der Kommunistischen Partei Chinas in die Sache einschaltet, wissen sie bei Daimler, dass etwas gehörig schiefgelaufen sein muss. „Wie würden es die Deutschen wohl finden, wenn ein Konzern mit Hitler-Zitaten Werbung machen würde?“, fragt die „Volkszeitung“ Anfang 2018. Zu diesem Zeitpunkt kocht der Zorn in Chinas sozialen Netzen schon seit Tage hoch.

Zugezogen hat ihn sich der Autobauer mit einem vermeintlich harmlosen Instagram-Posting. Darauf ist ein Foto der C-Klasse zu sehen, samt einer Weisheit von der Tiefe eines Kalenderblattspruchs: „Betrachte eine Situation von allen Seiten, und du wirst offener werden.“ Das Problem: Die Worte stammen vom Dalai Lama, dem geistigen Oberhaupt der Tibeter, den Chinas Regierung zum Staatsfeind erklärt hat.

Dürfen Konzerne Handel mit Schurkenstaaten betreiben?

Bei Daimler erkennen sie sofort, dass sie einen Fehler gemacht haben – China ist für die Autobranche der wichtigste Markt überhaupt, Daimler setzt dort mehr als eine halbe Million Fahrzeuge im Jahr ab. Der Konzern entschuldigt sich umgehend bei den Chinesen, und als die nicht zufrieden sind, sogar ein zweites Mal.

Doch jetzt sind es nicht nur die Chinesen, die sich über Daimler ereifern, sondern auch die Öffentlichkeit daheim in Deutschland. Der menschenrechtspolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag attestiert dem Autobauer „Rückgratlosigkeit“, in Medien ist vom „Kniefall“ und dem „Kotau vor Peking“ die Rede.

Der Fall steht exemplarisch für den Druck, dem sich globale Konzerne heute ausgeliefert sehen. Kein Unternehmen, schon gar kein Autobauer, kann es sich erlauben, auf Geschäfte im größten Markt der Welt zu verzichten. Das bedeutet allerdings, sich den Regeln zu unterwerfen, die ein Land aufstellt, in dem westliche Werte und Sozialstandards keine Rolle spielen. Darf sich ein Unternehmen im Ausland von jenen hehren Ansprüchen verabschieden, die es zu Hause im Ethikkodex als seine Grundlage preist? Die Frage gilt längst nicht nur für den Handel mit China. Stützen Firmen, die mit Handel Schurkenstaaten treiben, womöglich sogar die dortigen Regime? Machen sie sich an deren Vergehen mitschuldig?

Werner zu Jeddeloh, langjähriger Chef des Oldenburger Chemieunternehmens Büfa und eine Art Elder Statesman der Wirtschaft im Oldenburger Land hat dazu eine eindeutige Haltung: „Wenn man mit seinen Produkten dazu beitragen kann, das Leben der Menschen vor Ort zu verbessern, sollte man das tun.“ Im besten Fall könnten Unternehmen ähnlich wirken wie die Brandt’sche Ostpolitik in den Siebzigerjahren unter dem Motto „Wandel durch Annäherung“: indem sie durch den Austausch mit Menschen in anderen Ländern zu einem besseren Verständnis untereinander und letztlich zur Verbreitung westlicher Werte wie der allgemeinen Menschenrechte beitrügen.

Als Freibrief für jedwede unternehmerische Tätigkeit will zu Jeddeloh das allerdings nicht verstanden wissen. Es gebe klare Grenzen für das, was ein Unternehmen tun dürfe, nicht nur im Handel mit dem Ausland. „Es war für uns zum Beispiel immer klar, dass wir uns nicht als Zulieferer von Chemikalien am Fracking beteiligen würden.“ Auch die Lieferung von Stoffen, die zur Produktion von Drogen oder Waffen genutzt werden konnten, war für zu Jeddeloh stets tabu.

J amie Dimon ist der Spross einer Dynastie von Aktienhändlern, langjähriger Chef der größten Bank der USA und für viele schlicht das Gesicht der Wall Street. Dass der 64-Jährige zum Ende seiner Karriere noch zum Revolutionär werden würde, war nicht abzusehen. Doch genau das ist Dimon, seit er im vergangenen Jahr fast 200 Topmanager aus den mächtigsten und wichtigsten Konzernen der USA zusammengetrommelt hat, um in einer gemeinsamen Erklärung festzulegen, was eigentlich der Zweck eines Unternehmens ist.

Es ist eine Frage, die sich über Jahrzehnte nicht gestellt hat, weil der Zweck immer klar war: Es ging um die Steigerung des Unternehmenswerts und des Aktienkurses, ein Konzept, das unter dem Namen Shareholder-Value von der Wall Street aus seinen Siegeszug um die Welt angetreten hat.

Mehr Gewinn, höhere Kurse – künftig nicht mehr genug

Doch die Runde, zu der Größen wie Jeff Bezos von Amazon, Apple-Chef Tim Cook und Larry Fink vom größten Vermögensverwalter Blackrock zählen, hat dieses Konzept unter Dimons Vorsitz kurzerhand gekippt. Künftig wollen die Chefs der amerikanischen Konzernelite nicht mehr nur ihren Aktionären dienen, sondern genauso ihren Mitarbeitern, ihren Kunden und der Gesellschaft als Ganzes.

Die Abkehr vom Shareholder-Value ist eine Revolution, denn sie bedeutet den Abschied vom kurzfristigen Denken. Statt die Überschüsse von Quartalsbericht zu Quartalsbericht durch hektische Maßnahmen in die Höhe zu treiben, um den Aktienkurs zu befeuern und die Anteilseigner zufriedenzustellen, wollen die Konzerne nun langfristig denken und nachhaltig handeln.

Damit werden sie dem gerecht, was der Vechtaer Wirtschaftsethiker Lin-Hi „Licence to operate“ nennt. In dieser Sicht verleiht die Allgemeinheit einem Unternehmen das Recht, wirtschaftlich tätig zu werden, nur unter der Prämisse, dass Unternehmen einen gesellschaftlichen Mehrwert erbringen.

Was das konkret bedeutet, zeigt sich auf keinem Feld so deutlich wie dem Umgang mit den natürlichen Ressourcen und damit dem Umwelt- und Klimaschutz. Es kommt nicht von ungefähr, dass Deutschlands Topmanager Mitte Januar Post von Blackrock-Chef Larry Fink erhielten. Sein Unternehmen verwaltet fast sieben Billionen Dollar Anlagegelder, das entspricht fast dem doppelten der deutschen Wirtschaftsleistung. Bei vielen deutschen Unternehmen ist Blackrock einer der größten, wenn nicht der größte Aktionär. Unnötig zu sagen, dass Finks Worte in der Finanzwelt Gewicht haben. Dieser Mann also schreibt Deutschlands Topmanagern, dass sie ihre Unternehmen und ihre Geschäftsmodelle umbauen müssen, um mehr im Kampf gegen die Erderwärmung zu tun.

„Der Klimawandel ist zum entscheidenden Faktor für die langfristigen Aussichten von Unternehmen geworden“, heißt es in dem Schreiben. „Ich bin überzeugt, dass wir vor einer fundamentalen Umgestaltung der Finanzwelt stehen.“ Blackrock, dessen Gelder heute noch in zahlreichen dreckigen Industrien stecken, werde Klimaschutz künftig zum Kern der Unternehmenspolitik machen.

Was im Klartext bedeutet: Wer sein Geschäft weiterhin auf der Verbrennung fossiler Rohstoffe und der Herstellung klimaschädlicher Produkte aufbaut, hat künftig einen ziemlich mächtigen Gegner.

In heißen Ländern wie Griechenland oder Marokko tünchen die Menschen ihre Häuser weiß. Die Farbe reflektiert das Sonnenlicht, im Innern bleibt es kühl. Ganz ähnlich wirkt der Eispanzer in der Arktis – auch er wirft einen Teil des Sonnenlichts zurück. Taut das Eis, dringen durch die Schmelzlöcher mehr Sonnenstrahlen in den darunterliegenden Ozean ein. Er erwärmt sich deshalb stärker – und beschleunigt die Eisschmelze.

Klimaforscher bezeichnen das als einen Kipppunkt: Einen Moment, in dem sich die Erderwärmung selbst beschleunigt, nicht mehr aufzuhalten ist und außer Rand und Band gerät.

Solche Kippmomente gibt es nicht nur in der Natur, sondern auch in der Wirtschaft, sagt Jörn Hoppmann, Professor für Management an der Uni Oldenburg. Er meint damit Prozesse, die klein begonnen haben, sich aber an einem bestimmten Punkt verselbstständigen und eine nicht zu stoppende Kraft entwickeln.

Ein Beispiel dafür sei die Energiewende: Weil Länder auf der ganzen Welt in erneuerbare Energien investieren und die regulatorischen Bedingungen für ihren Ausbau verbessern, fallen die Preise für die Produktion von Ökostrom immer weiter. Dadurch werden konventionelle Energien unwirtschaftlich – mit dem Ergebnis, dass zusätzliche Investoren ihre Gelder in erneuerbare umschichten und deren Preise weiter fallen.

Ein anderes Beispiel könnte der Wertewandel in der Wirtschaft sein. „Das Thema Corporate Social Responsibility hat in den vergangenen Jahren eine ganz eigene Dynamik entwickelt“, sagt Hoppmann. Der Antrieb zu ethisch und ökologisch sauberem Handeln komme von allen Seiten: vom Finanzmarkt und Anlegern wie Blackrock, die gezielt in Unternehmen investieren, die bestimmte Standards erfüllen. Von der Politik in Deutschland und Europa, die regulatorische Rahmenbedingungen für die Geldanlage festlegt. Von den Behörden, die gegen Kartelle und Korruption vorgehen. Von den Verbrauchern, die immer kritischer hinterfragen, wo, was und wie Unternehmen produzieren. Und nicht zuletzt von den Mitarbeitern selbst – sei es in Form von Whistleblowern, die Verfehlungen des Managements durchstecken, oder in Form von Fachkräften, die Arbeitgeber meiden, wenn sie ihren ethischen Ansprüchen nicht genügen.

Aber was ist mit den Skandalen und Affären, die immer wieder an die Öffentlichkeit gelangen? Mit den Managern, die der Versuchung nicht widerstehen können und für den eigenen Vorteil oder kurzfristige Unternehmensgewinne Sitte und Anstand fallen lassen?

Die wird es auch weiterhin geben, erklärt Professor Lin-Hi. „Aber die Welt wird transparenter. Es reicht schon, wenn ein Angestellter am anderen Ende der Welt ein Handyfoto von katas­trophalen Produktionsbedingungen macht und ins Internet stellt. Früher hätte niemand davon erfahren, heute potenziell die ganze Welt.“

Die zahlreichen Skandale, die in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte bekannt geworden sind, scheinen seine Worte zu bestätigen. Es lässt sich weniger vertuschen. Der Druck auf die Unternehmen, einen echten Wandel einzuleiten, steigt damit. „Ich bin grundsätzlich optimistisch, dass er stattfindet“, sagt Lin Hi.

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