Ganderkesee - Worauf es ankommt beim Bewerbungsgespräch? „Sicheres Auftreten bei absoluter Ahnungslosigkeit“, antwortet Noah wie aus der Pistole geschossen auf die Frage von Fachlehrerin Taalke Joosten. Den Lacher der Klassenkameraden hat der Scherzbold sicher, aber zumindest mit dem ersten Teil hat er ja auch recht: Selbstbewusstsein ausstrahlen, die eigenen Stärken hervorheben – das erwarten Ausbilder von Jugendlichen, die sich bei ihnen vorstellen. „Und das fehlt bei vielen“, weiß Joosten, die an der Oberschule Ganderkesee Wirtschaft unterrichtet.
Drei Module
Wie sie es richtig machen, erfuhren die Neuntklässler am Dienstag beim Berufsorientierungstag in der Schule. In drei Modulen wurden die gut 90 Jugendlichen mit den Herausforderungen beim Einstieg ins Berufsleben vertraut gemacht: Sie schrieben Einstellungstests, um die Tücken der Fragen und Aufgaben kennenzulernen, übten in Rollenspielen Bewerbungsgespräche und hatten schließlich in kleinen Gruppen mit Vertretern von Unternehmen und Behörden die Gelegenheit, alles zu erfahren, was sie über die Berufe wissen wollten.
Wenn sie denn überhaupt schon eine Ahnung haben von ihrem künftigen Beruf. Einige in den neunten Klassen sind da schon recht weit: Melanie strebt eine Fotografenlehre an, Christian interessiert sich für die Technik in der Medien- und Filmwirtschaft, Jona will Sport- und Fitnesskaufmann lernen. „Viele wissen in dem Alter aber noch nicht, was sie werden wollen“, sagt André Rose, „dabei müssen sie sich spätestens im nächsten Sommer bewerben!“
Der Ganderkeseer ist Ausbildungsmeister im Bremer Mercedes-Werk und an diesem Vormittag einer von gut einem Dutzend Firmen-Vertretern, die in der Oberschule ihre Betriebe und Ausbildungsmöglichkeiten vorstellen. „Schon die Berufsfindung ist oft schwierig“, ist seine Erfahrung. „Früher haben Jugendliche sich an ihren Eltern orientiert – heute wollen sie eher das Gegenteil.“ Die Familien sollten sich rechtzeitig und intensiv mit der Ausbildungsfrage beschäftigen, appelliert Rose. „Gespräche mit Eltern, Geschwistern, Nachbarn helfen Jugendlichen bei der Orientierung.“ Danach sei ein Praktikum der nächste Schritt, um zu prüfen: Kann ich das? Will ich das denn?
Wenn ja, steht irgendwann das Bewerbungsgespräch bevor. Das übte am Dienstag Rolf Fittje von der Innungskrankenkasse (IKK) Weser-Ems mit den Oberschülern. „Das ist ein Verkaufsgespräch in eigener Sache“, betont er die Wichtigkeit des Moments. Binnen weniger Minuten eröffnet sich ein Berufsweg – oder eben nicht.
Smalltalk lockert auf
Fittje ermuntert die Schüler, von sich zu erzählen, auch Privates. Danach würden Ausbilder meistens zuerst fragen. „So ein Smalltalk nimmt den Jugendlichen oft die Schüchternheit“, weiß der IKK-Ausbildungsexperte. Fester Stand, keine ausschweifenden Gesten, kein Spielen mit den Haaren: Auch solche Verhaltensregeln vermittelt Fittje. „Das sind Dinge, über die man oft nicht nachdenkt“, gibt Schülerin Sina zu.
Taalke Joosten ist sicher, dass die Neuntklässler beim Berufsorientierungstag Erfahrungen machen, die ihnen die Schule allein nicht vermitteln kann: „Mit der beruflichen Praxis kennen sich die Betriebe besser aus als wir.“ Die Lehrerin, die den Tag zusammen mit der Sozialpädagogin Julia Krzykowski organisiert hat, freut sich aber ebenso über die große Bereitschaft örtlicher Unternehmen, ihre Mitarbeiter dafür abzustellen. Sie dürften angesichts der wachsenden Nachwuchsprobleme selber ein starkes Interesse daran haben . . .
