Langeoog/Wangerooge/ - Über den schlimmen Schneesturm am 5. März 1942 und die Strandung des Lotsendampfers „Rüstringen“ vor Langeoog hat die NWZ am 8. März berichtet. Der letzte Zeitzeuge, Gerhard Johannsen, erinnerte sich an die Ereignisse.
Darauf wurde der Wangerooger Inselchronist Hans-Jürgen Jürgens aufmerksam. Er hat mehrere Bände Inselchronik veröffentlicht, darunter auch das „Kriegstagebuch über Ereignisse 1939 bis 1945 im Bereich Wangerooge-Spiekeroog-Langeoog“. Die Inseln gehörten früher zusammen – und zwar zum „Kommandanten im Abschnitt (KiA) Wangerooge“.
„Alle Maßnahmen im Zusammenhang mit diesem dramatischen Seenotfall wurden vom Flagruko-Bunker auf Wangerooge eingeleitet und geführt“, weiß Jürgens. Bei der Rettung spielte Oberleutnant Adolf Weber eine bedeutende Rolle. Er war der ranghöchste Offizier auf Langeoog und unterstand der KiA Wangerooge, so Jürgens. In der Inselchronik stehen Berichte von Weber, die an das Kommando der Marinestation Wilhelmshaven, an den Küstenbefehlshaber Deutsche Bucht, Wilhelmshaven, und den Kommandanten im Abschnitt Wangerooge gerichtet waren. Auf die Minute genau sind Details des Einsatzes notiert:
„Am 5. März 1942 ging um 8.40 Uhr beim Marine-Hochstand Langeoog folgender Befehl vom Flagruko Wangerooge ein: „Der Lotsendampfer ,Rüstringen‘ ist bei Spiekeroog gestrandet. Alle Kampfmittel benachrichtigen. Beobachtungen sind an Flagruko zu melden.“
Daraufhin wird das Rettungsboot „Reichspost“ alarmiert. Wegen der Eisbarriere konnte aber keine Abfahrtstelle gefunden werden.
„Ab 10.09 kreiste eine Seenotmaschine von Norderney über dem gestrandeten Schiff. – Um 11.19 Uhr meldet der Flugposten, der unmittelbar am Strand auf den Dünen steht, dass sich bei dem gestrandeten Schiff ein weiteres Fahrzeug befindet. – Durch den herrschenden starken Schneesturm wird bis 16.30 Uhr vom Hochstand Langeoog keine weitere Beobachtung mehr gemacht, nur hin und wieder wird eine kreisende Seenotmaschine gesichtet. – Jetzt bessert sich die Sicht, so daß die Umrisse der „Rüstringen“ erkennbar werden. Das Schiff liegt auf ebenem Kiel, und die Brecher gehen darüber hinweg. Leute werden nicht mehr gesehen.“
Zu dieser Zeit gab es weitere Rettungsversuche vom Minensuchboot „M 225“ und dem Vorpostenboot „Vp 2001“ – auf dem auch der letzte lebende Zeitzeuge Gerhard Johannsen saß. Der Kutter des Minensuchboots kenterte. Die im Wasser treibende Kutterbesatzung konnte von der „Vp 2001“ bis auf einen Matrosen gerettet werden.
„Auf der Rüstringen, die immer tiefer im Mahlsande versank, hatten sich vier Männer in den Schornstein geflüchtet und hielten sich dort an den Steigeisen fest. Plötzlich brach mit einem dumpfen Poltern das Kartenhaus zusammen und ging mit 16 daraufsitzenden Männern über Bord. Mit drei weiteren Männern, die auf der Back ausgeharrt hatten, versanken sie zwischen den Eisschollen.“
Das Rettungsboot von Langeoog wird ein zweites Mal alarmiert. Es wird am Weststrand zu Wasser gebracht. Um 18.26 Uhr legt es beim Vorpostenboot an. Dann die plötzliche Nachricht:
„Um 19.25 Uhr wird an die Seenotzentrale gegeben: Es wurde festgestellt, dass sich auf der „Rüstringen“ noch lebende Menschen befinden. Über Norderney Seenotstaffel wurde das Seenotflugzeug verständigt und gebeten, das M-Boot zu veranlassen, ein Boot auszusetzen und an die „Rüstringen“ heranzugehen.“
Erfolgreich ist das nicht – denn inzwischen ist es zu dunkel. Das Rettungsboot von Langeoog gerät wegen des starken Sturms selbst in Seenot – von der Insel aus wird es nicht mehr gesehen.
„Um 22.26 Uhr schießt das Vorpostenboot drei rote Sterne und gibt durch Blinksignal SOS; vom Hochstand wird mit einem weißen Stern geantwortet. Ab 23.20 Uhr wird vergeblich versucht, mit dem Schiff durch eine behelfsmäßige Morselampe in Verbindung zu treten. – Um 23.15 Uhr verständigt Langeoog die Seenotzentrale, dass seit Einbruch der Dunkelheit auch das Langooger Rettungsboot in Seenot geraten sei.“
Doch dann, um 2.02 Uhr, kommt endlich eine Meldung von Vormann Kuper, Führer des Rettungsbootes:
„Die Rettungsmannschaft und acht (12) Schiffbrüchige vom Vp ,2001‘ sind auf Baltrum an Land gegangen. Rettungsboot mußte verlassen werden. Schiff ,2001‘ befindet sich in höchster Seenot, es ist leckgeschlagen und hatte um 19.00 Uhr einen Meter Wasser über den Flurplatten, die Motoren sind ausgefallen. An Bord blieben nach Absetzen des Rettungsbootes noch 25 Mann zurück.“
Unter den Zurückgebliebenen: Gerhard Johannsen. Dennoch löste die Nachricht, dass die Rettungsmannschaft und weitere Männer in Sicherheit seien und am nächsten Tag zurückkommen würde, Freude aus.
Am nächsten Morgen, um 10.10 Uhr, wird die „Rüstringen“ von einem Seenotflugzeug überflogen. Dabei sehen sie einen Mann aus dem Schornstein winken. Vom Hochstand Langeoog wird ein weißer Stern geschossen, der mit ebendiesem aus dem Schortein beantwortet wird. Das wird auch an das Flagruko auf Wangerooge gemeldet.
„Um 10.33 Uhr gibt der K.i.A. Wangerooge durch, dass ein draußen liegender Motorschlepper den befehl bekommen habe, an die „Rüstringen“ heranzugehen. Um 11.17 Uhr startet das bei „2001“ liegende Seennotflugzeug, ohne an das Vorpostenboot herangekommen zu sein. – Um 11.30 Uhr geht ein Motorboot des Minensuchbootes bei „2001“ längsseits und nimmt Leute über. – Der K.i.A. Wangerooge wird vom Einsatzleiter Oblt. Weber gebeten, nochmals (in Wilhelmshaven) anzurufen und die Schiffe durch Funk aufzufordern, unbedingt mit der „Rüstringen“ Verbindung aufzunehmen, da sich dort bestimmt noch Lebende an Bord befinden. – Darauf geht um 12.31 Uhr das Minensuchboot östlich von der „Rüstringen“ vor Anker, und es gelingt, die letzten Leute abzubergen. – Am 6. März um 14.14 Uhr ist de Rettungsaktion beendet.“
