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Neue Debatte Zu Organspenden Wie tot sind Hirntote?

Karsten Krogmann

Oldenburg/Bremerhaven - Da ist eine Frau mit schweren Kopfverletzungen, ihre Ärzte haben sie für tot erklärt. Jetzt liegt die Frau auf dem Operationstisch, sie ist Organspenderin. Die Ärzte haben der Frau bereits den Bauch aufgeschnitten, als sie plötzlich die Organentnahme stoppen – jemand hat einen Fehler bei der Hirntod-Diagnose bemerkt.

Und schon brennt diese Frage in allen Köpfen, bei Organspendern, Krankenhauspersonal, Angehörigen: Haben die Ärzte einer lebenden, fühlenden Frau den Bauch aufgeschnitten?

Das Klinikum Bremerhaven, in dem es laut einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ Anfang Dezember zu dem Vorfall kam, widerspricht: Die Patientin sei eindeutig tot gewesen, teilte ein Sprecher am Montag mit; Grund des Abbruchs sei „ein formaler Fehler in der Dokumentation“ gewesen. Am Abend bestätigte dann auch die Bundesärztekammer „nach eingehender Analyse“ den Hirntod der Frau: „Sämtliche Hirnfunktionen waren erloschen.“

Also kein Grund zur Beunruhigung?

„Versagen der Politik“

Keineswegs. „Einen Super-Gau“ nennt der Oldenburger Neurochirurg Professor Dr. Andreas Zieger den Bremerhavener Fall: „Das ist doch genau das, wovor die Menschen Angst haben!“

Der 65 Jahre alte Mediziner beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Komapatienten und somit mit der Grenze zwischen Leben und Tod, zuletzt als Chefarzt der Klinik für Neurorehabilitation im Evangelischen Krankenhaus. Er sieht nun „die alten, unerledigten Fragen“ wieder aufgeworfen: „Wie tot sind Hirntote? Stimmt das Hirntod-Konzept überhaupt noch?“


Die Organentnahme wird in Deutschland durch das Transplantationsgesetz geregelt, kurz TPG genannt. Darin heißt es: „Die Entnahme von Organen ist nur zulässig, wenn der Tod des Organ- oder Gewebespenders nach Regeln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen, festgestellt ist.“

Hintergrund-Artikel zum Thema: „Wir brauchen eine Kultur des Sterbens“

Tot ist ein Organspender laut TPG nach dem „endgültigen, nicht behebbaren Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms“. Diesen Ausfall müssen zwei Ärzte unabhängig voneinander nach Richtlinien der Bundesärztekammer feststellen. Die beiden Ärzte dürfen nichts mit der Organentnahme oder -transplantation zu tun haben, heißt es im Gesetz.

Mediziner Zieger kann von Hirntoten erzählen, die schwitzen. Wachsen. Sich bewegen (im schlimmsten Fall während der Organentnahme). Es gibt Hirntote, die gesunde Kinder ausgetragen haben.

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) definiert: „Das Gehirn ist übergeordnetes Steuerorgan aller elementaren Lebensvorgänge. Mit seinem Tod ist auch der Mensch in seiner Ganzheit gestorben.“

Zieger hält diese Definition längst für wissenschaftlich widerlegt. Er nennt es daher „einen Skandal“, dass die „Grundlagen der Begründung der Transplantationsmedizin“, nämlich die Definition von Leben und Tod, nicht aufgearbeitet werden.

Mehr noch: Er nennt es ein Versagen der Politik, dass sie diese Frage der Bundesärztekammer („das ist ein lockerer Zusammenschluss von Ärzten, die sich selbst beaufsichtigen“), der DSO und der „mächtigen Lobby der Transplantationschirurgie“ überlassen hat. Zieger fordert einen öffentlichen Diskurs über das Thema. Diese existenzielle Frage dürfe die Bevölkerung nicht den medizinischen Experten überlassen.

Rückendeckung erhält der Oldenburger Arzt von der Deutschen Stiftung Patientenschutz. „Lebensfragen dürfen nicht privatrechtlichen Organisationen übertragen werden“, sagt Vorstand Eugen Brysch. Er fordert eine schnelle Anpassung des Transplantationsgesetzes: Künftig sollten nicht zwei Ärzte des Entnahme-Krankenhauses die Hirntod-Diagnose stellen, sondern „mindestens drei Kompetenzteams aus speziell qualifizierten Neurologen“. Diese Teams sollten „staatlich verantwortet“ beim Robert-Koch-Institut angesiedelt sein. Brysch mahnt „allerhöchste Sorgfalt und Professionalität“ an.

Die erwartet auch Andreas Zieger, der die „unzureichende Ausbildung der Ärzte“ beklagt und ihren „schlampigen Umgang“ mit dem Thema.

Unter Tränen

Der Fall in Bremerhaven müsse nun aufgearbeitet werden, so Zieger weiter: von Patientenschützern, Ärztekammer, Behindertenbeauftragten, Politikern.

Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet von „erheblicher Aufregung“ im Klinikum Bremerhaven nach dem Vorfall am Operationstisch: „Mitarbeiter erzählten unter Tränen davon, andere kündigten an, sich nun ganz aus der Organspende zurückziehen zu wollen.“

Anzunehmen ist, dass die Organspende-Bereitschaft in Deutschland insgesamt weiter sinken wird. Seit dem Transplantations-Skandal 2012 (ein Göttinger Mediziner hatte Krankenakten gefälscht, damit Patienten schneller an ein Spenderorgan kamen) ist die Zahl der Organspender jährlich um eine zweistellige Prozentzahl gesunken.

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