Berlin - Manche zittern vor diesem Tag der Wahrheit. Tausende andere Schüler werden ihre letzten Halbjahreszeugnisse in wenigen Tagen eher entspannt entgegennehmen und die einwöchigen Winterferien nutzen, um die ersten Bewerbungen loszuschicken. Die Suche nach den Ausbildungsplätzen, die ab September besetzt werden, beginnt jetzt.
Rund 844 000 Schulabgänger erwartet die Kultusministerkonferenz nach ihrer aktuellen Prognose in diesem Jahr. Es ist die niedrigste Zahl seit Anfang der 1990er Jahre. Darunter wächst zudem der Anteil der Abiturienten, die an die Universitäten drängen. Rund 310 000 junge Frauen und Männer werden im Frühsommer die Hochschul- oder Fachhochschulreife erwerben.
Suchende sitzen deshalb immer häufiger auch auf der anderen Seite - in den Unternehmen. Sie müssen erfinderischer werden, um passende Bewerber zu finden und an sich zu binden. „Wie bringen wir die Jobs zu den Leuten?“, beschreibt die Leiterin der Abteilung Personalgewinnung bei der Deutschen Bahn, Kerstin Wagner, die Aufgabe. Der Wettbewerb unter den Firmen werde größer. Und die Lebensumstände der jungen Menschen wandelten sich rasch.
Wo die sich tummeln, sucht die Bahn den Kontakt: in den Schulen, auf Messen, bei Aktionstagen wie dem „Gleisbau-Camp“ und besonders in den sozialen Netzwerke von Facebook, Twitter und Google+ über Xing und Linkedin bis zu Youtube und Spotify. Dort werden die 500 Berufe bei der Bahn mit den Ausbildungswegen in Wort und Film vorgestellt. Der Auftritt müsse „cool“ sein, aber auch „glaubwürdig“. So dürfen Bahn-Azubis in einem Blog über ihren Arbeitsalltag berichten - und zwar ungeschminkt, wie Wagner sagt.
Bei Informationsveranstaltungen benutzen die bundesweit 140 Mitarbeiter aus Wagners Team neuerdings eine Multimedia-Brille. Wer sie aufsetzt, kann in 360-Grad-Videos nachempfinden, was ein Facharbeiter in einer ICE-Werkstatt, ein Gleisbauer oder ein Fahrdienstleiter an seinem Arbeitsplatz tut.
Weil viele Schulabgänger nicht genau wissen, wohin die Reise gehen soll, hilft ihnen ein „Profiler“ im Internet, der in wenigen Schritten Fähigkeiten und Talente abfragt und dann konkrete Berufsvorschläge macht. Ähnliches bietet zum Beispiel Siemens: einen Job-Navigator, der nach einem Test Ausbildungsempfehlungen ausspuckt.
3600 Lehrstellen oder Plätze für ein duales Studium hat die Bahn in diesem Jahr zu vergeben. Viel verspricht sich der Konzern von seinem Online-Einstellungstest. „Alle Schüler bekommen damit die gleiche Chance. Wir konzentrieren uns statt auf Schulnoten auf die persönlichen Stärken des Bewerbers“, sagt Personalvorstand Ulrich Weber.
Einen solch großen Aufwand können kleinere, mittelständische Unternehmen nicht betreiben. Doch auch sie lassen sich etwas einfallen. „Jedes zehnte Unternehmen in Industrie und Handel bietet inzwischen finanzielle oder materielle Anreize, um Auszubildende zu gewinnen“, berichtete die Ausbildungsexpertin beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK), Ulrike Friedrich, in der „Süddeutschen Zeitung“.
Oft seien das Betriebe, die schlecht erreichbar seien oder deren Berufe nicht zu den beliebtesten gehörten. „Am häufigsten werden Zuschüsse zur Mobilität gewährt, zum Beispiel für den öffentlichen Nahverkehr oder den Führerschein. Auf dem zweiten Platz stehen höhere Ausbildungsvergütungen.“ Es gebe auch Zuschüsse zur Wohnung, Beiträge fürs Fitnessstudio oder ein Smartphone als Willkommensgeschenk.
