VAREL - Eine gelungene innerfamiliäre und schulische Sozialisation, die Selbstkompetenz ermöglicht und als sinn- und wertvoll empfundene Lebensperspektiven eröffnet, ist die beste Vorbeugung gegen Jugendgewalt.
So lassen sich die Folgerungen eines Vortrags von Professor Dr. Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen und früherer niedersächsischer Justizminister, zum Thema „Alle einsperren? Jugendliche Gewalt in unserer Gesellschaft“ am Mittwochabend in Varel zusammenfassen. Pfeiffer sprach bei der Auftaktveranstaltung der Reihe „Gewaltfreiheit ist erlernbar“ in Regie des Friedensforums Varel und der Bürgerstiftung Varel/Friesische Wehde vor großem Auditorium in der Aula des Lothar-Meyer-Gymnasium.
Wie der Referent ausführte, belegt eine aktuelle Studie zur Mehrfach-Gewalttäterschaft Jugendlicher folgende bedeutsame Belastungsfaktoren: erlebte Elterngewalt („Gewaltproduktionsfaktor Nr. 1“), Einfluss straffällig gewordener Freunde, Alkohol- und Drogenkonsum. Eine intensive Beschäftigung mit gewaltorientierten Computerspielen, die auch die Lernfähigkeit und das schulische Fortkommen beeinträchtigt, kommt oft als steigernder Risikofaktor hinzu.
Ganztagsschule wichtig
Besonders wichtig sei es also, der innerfamiliären Gewalt entgegenzuwirken. Ein Mittel sei da die – gegenwärtig in einem Modellversuch erprobte – Etablierung von Kinderhelfern, von Vertrauenspersonen, an die sich durch Elterngewalt bedrohte Kinder wenden könnten. Absolut unverzichtbar sei die Ganztagsschule, die sowohl dem Entstehen straffälliger Jugendmilieus entgegenwirken als auch – durch Sport, Theater, soziales Lernen – wesentliche, die Selbstkompetenz und Persönlichkeitsbildung fördernde Angebote machen könne. Wie wesentlich Bildung für Gewaltprävention sei, erhelle eine Vergleichsstudie zur Gewaltneigung türkischstämmiger Jugendlicher in Hannover und München. In Hannover sei die Tendenz von 1998 bis 2006 deutlich rückläufig, in München hingegen ansteigend. Einziger signifikanter Unterschied der Sozialfaktoren: In Hannover erlangten viel mehr aus dieser Gruppe einen höheren Schulabschluss.
Pfeiffer thematisierte weiter einen ausgeprägten geschlechtsspezifischen Unterschied der Gewaltneigung. Von 1984 bis 2007 sei die Gewaltneigung der Jungen stärker angestiegen. Nicht zuletzt ein überholtes Rollenmuster vom Mann als hartem Kämpfer wirke sich da aus. Jungen müssten also andere, angemessene soziale Rollenmuster vor Augen geführt werden.
Rückgriff in Geschichte
Der Referent erhellte das Thema auch von einer Kehrseite her, indem er fragte, wie denn das herausragende Gegenbeispiel von Destruktivität, die mitfühlend-helfende Zivilcourage, zustande komme. So weise etwa die familiär-soziale Prägung von Personen, die in der NS-Zeit Widerstand leisteten und Juden retteten, vier besondere Merkmale auf: Gewaltfreie Erziehung, sie seien „nicht klein gemacht worden“; Erziehung in Liebe, die Fähigkeit zu einfühlendem Mitempfinden (Empathie) fördernd; Gleichrangigkeit der Eltern (Familien, in denen bei Konflikten das Argument, die Berufung auf Werte, zählt, und nicht die autoritative Anordnung); Rückhalt unter Gleichgesinnten, Aufgehobensein in einer Kultur der Anerkennung.
