VAREL - Es ist quirlig allenthalben und die Kinder der Sternengruppe löffeln selig Hirsebrei mit Apfelmus. Draußen scheint die Welt unterzugehen, so heftig prasselt der Regen an die Scheiben des altehrwürdigen gelbgetünchten Hauses. Die älteren Teilzeit-Bewohner aus der Gruppe der vier- bis sechsjährigen Kinder kann die Sintflut von oben nicht erschüttern.
Sie stapfen tapfer in den Garten und toben sich aus. Ganz so, wie es sein soll im Waldorfkindergarten an der Oldenburger Straße. „Die Natur, die Freiheit im Freien, das ist ein Kernelement der Erziehung hier“, sagt Kindergartenleiterin Christiane Bohlen (51). Wobei Erziehung in diesem Zusammenhang das falsche Wort ist, denn eben das ist nicht Element der Pädagogik, die der Österreicher Rudolf Steiner am Ende des 19. Jahrhunderts mit seinem Werk „Die Philosophie der Freiheit“ begründete.
An diesem Tag ist im Kindergarten „Sternenwagen“ wie gesagt Hirsetag, montags ist Milchreistag und freitags geht es in den nahen Wald gegenüber des Hauses, in dem der Vareler Waldorf-Kindergarten seit dem Jahr 2000 seine Heimat hat. Im Jahr 1993 eröffnete er in der Stadt. „Damals war es eine Eltern-Initiative, von der die Gründung ausgegangen ist“, erinnert sich Christiane Bohlen. Und es sind die Eltern der 35 Kindergartenkinder, die mit ihren Beiträgen die Weiterfahrt des „Sternenwagens“ sichern.
Hanna und die anderen Kinder haben sich auf den Mini-Stühlen am Frühstückstisch versammelt. Die zweite Kerze am Adventskranz brennt und in den Gruppenräumen des Kindergartens ertönt fröhliches Lachen.
Das ist ein freundlicher Kontrast zum altehrwürdigen Haus, welches 1888 an der Oldenburger Straße als „vorstädtisches Landhaus“ erbaut wurde, wie Wilhelm Janssen in seinem 1980 erschienenen Werk „Bauten in Varel aus acht Jahrhunderten“ ermittelt hat. Der Landwirt und ehemalige Gemeindevorsteher der Landgemeinde Varel, ein Herr Hayessen, hat es sich als Wohnhaus erbauen lassen in Varels goldenen Gründerjahren am Ende des 19. Jahrhundertes. Nur ein paar Jahre bevor Rudolf Steiner seine neue Pädagogik begründete, auf der die Arbeit der Erzieherinnen Christiane Bohlen, Heike Mandek, Birgit Baumann und Kerstin Lübkemann ruht.
„Dass Waldorfkinder glücklicher sind, wäre vermessen“, lacht Christiane Bohlen, die Steuerfrau im „Sternenwagen“ – immerhin weiß sie, dass heute viele Regelkindergärten übernommen haben, was bei Waldorf-Einrichtungen schon lange üblich ist. Früher hat Bohlen in solchen Regelkindergärten selbst gearbeitet. „Ich wollte eine andere Pädagogik, die Waldorf-Philosophie hat mich begeistert und sie begeistert mich jeden Tag mehr“, lacht die agile Erzieherin mit der langjährigen Erfahrung.
Draußen auf dem Flur prustet und gluckst es wieder. Es hört sich glücklich an.
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