Varel/Kambodscha - Um sechs Uhr in der Früh klingelt auch an Silvester und Neujahr der Wecker von Nicole Kramer. Es ist 25 Grad warm und ihr Mitbewohner, ein Gecko, hängt direkt über ihr an der Decke. Nicole Kramers einfache Matratze liegt neben der Backstube des Starfish-Cafés in Sihanoukville in Süd-Kambodscha. Die Bäckerei mit Café der humanitären Organisation „Starfish“ ist seit zwei Monaten das neue Zuhause der Varelerin. Sie soll dort einen nachhaltigen Küchengarten einrichten; zugleich ist sie dort Köchin, Sekretärin, Ernährungsberaterin, Putzfrau und vieles mehr.

„Alles, was ich in meinen 38 Jahren gelernt habe, kommt jetzt zum Einsatz“, sagt Nicole Kramer. Und das ist eine ganze Menge. Nach ihrem Abitur in Varel und einem Sprachenstudium ging sie nach Australien, um als Rangerin zu arbeiten, anschließend hat sie unter anderem auf der Südseeinsel Vanuatu in einer Schildkröten-Aufzucht-Station gearbeitet und war in den vergangenen beiden Jahren auf Tasmanien im Obst- und Gemüsebau beschäftigt.

Jetzt gibt sie ihr Wissen für Kost und Logis an die Kambodschaner weiter. Sie ist die einzige Europäerin im Starfish-Projekt, das Menschen mit Behinderungen hilft, und auch die Einzige ohne Behinderungen. Ihre Kollegen sind entweder von Polio betroffen oder haben andere Behinderungen wie Amputation nach Verkehrsunfall, schwere Epilepsie oder HIV. Gemeinsam helfen sie mit den Erlösen aus dem Café anderen Behinderten, in dem armen Land zu überleben.

„Wegen der Khmer Rouge gibt es hier wie überall im Land viele Landminenopfer; es ist, als ob der Krieg erst gestern zu Ende gegangen ist”, sagt Nicole Kramer, „täglich werde ich mit Menschen konfrontiert, die behindert sind, viele davon schwerst. Die Menschen hungern und haben oftmals nicht mal das Minimum. Es ist mit Abstand das ärmste Land, das ich bisher besucht habe“, sagt die Weltbürgerin.

Bei ihrem Projekt, dem Küchengarten, steht sie vor großen Herausforderungen. „Leider wissen viele Kambodschaner nicht, wie man Obst und Gemüse anbaut“, sagt sie, „die starken Regenfälle und die Hitze machen es nicht einfacher und vernichten jede Ernte innerhalb weniger Minuten, wenn sie nicht geschützt wird.“ Große Herausforderungen seien zudem der salzhaltige Boden an dem Strandort und der Mangel an genmodifizierten Samen.

Im nächsten Jahr wird Nicole Kramer für eine Weile aufs Land ziehen, um mit den Einheimischen Bioanbau zu betreiben. „Pflanzen wie Zucchini, Aubergine, Tomaten, Basilikum und Salat müssten unter den Bedingungen hier wie Unkraut wachsen“, vermutet sie.


Nach dem Starfish-Projekt in Kambodscha werden noch weitere aufregende Projekte folgen. Feste Pläne für die Zukunft liegen der 38-Jährigen nicht. „Ich lebe im Hier und Jetzt“, sagt die Weltbürgerin: „Mein Zuhause habe ich in mir drin.“

Traute Börjes-Meinardus
Traute Börjes-Meinardus Redaktion Varel