Vechta - Niedersachsen ist Agrarland Nummer 1. Und das Oldenburger Münsterland die Hochburg mit 2,6 Millionen Rindern, 10,5 Millionen Schweinen und mehr als 100 Millionen Geflügeltieren. Ob das in zehn Jahren vor dem Hintergrund wachsender Ablehnung der konventionellen Landwirtschaft in der Gesellschaft auch noch so sein kann – darüber diskutierten kürzlich in Vechta mehrere Expertengruppen.

Einig waren sich alle, dass die Landwirtschaft sich ändern muss. „Wenn wir diesen Transformationsprozess hier im Oldenburger Land nicht schaffen, dann nirgendwo in Deutschland“, ist sich Prof. Dr. Ludwig Theuvsen, inzwischen Staatssekretär im niedersächsischen Landwirtschaftsministerium, sicher.

Nicht ganz so einig waren sich die Experten bei der Frage, ob bei diesem Transformationsprozess die Zahl der Tiere so hoch bleiben kann. „Wir werden zwangsläufig geringere Tierzahlen haben“, so Hartmut Heinen, 1. Kreisrat des Landkreises Vechta. Und Prof. Dr. Folkhard Isermeyer vom Thünen-Institut in Braunschweig: „Ziel muss es sein, mit weniger Tieren das gleiche Geld zu verdienen.“ Andere, wie Gert Stuke, Präsident der Oldenburgischen Industrie- und Handelskammer, wollen noch weiteres Wachstum, allerdings nicht mehr quantitativ sondern qualitativ. Dies sei wegen der Innovationsstärke der Agrar- und Ernährungswirtschaft der Region auch möglich.

Einig waren sich dann alle wieder, das die „andere“, von der Gesellschaft geforderte Landwirtschaft viel Geld kostet. „Da beißt die Maus keinen Faden ab“, so Isermeyer und schätzt die Kosten allein in der Tierhaltung auf bis zu fünf Milliarden Euro bundesweit.

Und einig war man sich dann auch in der Frage, wer dies bezahlen muss: Der Verbraucher, als Konsument und Steuerzahler. „Freiwillig zahlt der Verbraucher aber nicht“, so der Agrarwissenschaftler. Er schlägt einen Tierwohltopf vor („im jetzigen ist viel zu wenig Geld“), in den der Lebensmittelhandel für Fleisch aus besserer Tierhaltung einzahlt und sicher über den Preis an die Verbraucher weitergeben wird und einen Investitionstopf, gefüllt mit Steuergeld, aus dem die Landwirte Zuschüsse für Stallumbauten bekommen. „Ich bin mir aber nicht sicher, ob Berlin das hinbekommt“, zeigte sich Isermeyer mit Blick auf die Politik eher skeptisch. Genauso Stuke: „Mehr Erlöse für die Landwirte durch höhere Lebensmittelpreise – das sehe ich noch nicht.“


Die Standards für die zukünftige Nutztierhaltung wird der Lebensmitteleinzelhandel setzen, ist sich Prof. Dr. Hans-Wilhelm Windhorst vom WING-Institut an der Universität Vechta sicher. „Der Handel bestimmt, was produziert werden muss. Wir können nur das produzieren, was der Markt will.“ Und Uwe Bartels, Vorsitzender des Tagungsveranstalters Agrar- und Ernährungsforum Oldenburger Münsterland, möchte gern definiert haben, „was für eine Landwirtschaft die Gesellschaft eigentlich will. Dann haben wir hier in der Region dafür auch die Lösungen.“

Bei noch einem Punkt waren sich alle Experten einig: Die Politik bekommt es nicht hin, die gewünschten neuen Tierhaltungsformen durch Gesetze und Regelungen auch möglich zu machen. So bremse das aktuelle Baurecht Stallumbauten. Und: „Wenn ich jetzt entsprechend investiere habe ich keinen Bestandsschutz“, so Joseph kl. Holthaus vom Kreislandvolkverband Vechta. „Wir brauchen unbedingt längere Halbwertzeiten“, ergänzte seine Kollegin Anna Meyer.

Etwas zum Nachdenken gab schließlich WING-Chef Windhorst den versammelten Experten der Fleischerzeugungshochburg und den Teilnehmern der Veranstaltung mit auf den Nachhauseweg: „Gerade wächst eine Generation heran, die nicht mehr nur mit Fleischkonsum groß wird.“