VERDEN - Salben, Spritzen, Verbände und allerlei andere medizinische Güter wurden über die Kassen abgerechnet, quasi blanko. Die zahlten, doch der sogenannte Sprechstundenbedarf kam nie in den Praxen an. Rund 50 niedersächsische Ärzte und ein Pharmahändler sollen so mehr als 1,2 Millionen Euro ergaunert haben. Die Staatsanwaltschaft Verden bestätigte am Freitag einen Bericht des Radiosenders NDR Info, ohne sich jedoch zum genauen Volumen des Schadens zu äußern. Der werde derzeit von Sachverständigen geprüft, die Größenordnung könne jedoch hinkommen. Die Anklagebehörde ermittelt gegen die Beteiligten wegen des Verdachts der Bestechlichkeit, Bestechung sowie gewerbsmäßigen Betrugs.

Ein Mitarbeiter des Pharmaunternehmens brachte die Ermittler auf die Spur der illegalen Machenschaften. „Voraussichtlich 2011 soll das Verfahren abgeschlossen sein“, sagte die Sprecherin der ermittelnden Staatsanwaltschaft, Silke Streichsbier, am Freitag. Dann werde entschieden, ob Anklage erhoben wird. Sollte sich der Verdacht bestätigen droht den verdächtigen Medizinern im Normalfall eine Geldstrafe oder auch eine Haftstrafe von bis zu drei Jahren, in besonders schweren Fällen auch mehr.

Zum Sprechstundenbedarf zählen Mittel, die der Arzt dem Patienten direkt in der Praxis verabreicht. Die unter anderem aus Hannover, Celle und Hameln stammenden Mediziner sollen dafür Blankorezepte ausgestellt haben, die der Großhändler aus der Nähe von Hannover ausfüllte und abrechnete. Die Produkte lieferte er aber nicht. Da die Rezepte für Sprechstundenbedarf nicht auf einen bestimmten Patienten ausgestellt sind, können die Krankenkassen den tatsächlichen Bedarf kaum überprüfen. „Das ist ein Topf, in den alle Krankenkassen einzahlen“, erläutert die Sprecherin der Techniker Krankenkasse, Inga Lund. Betrügereien seien hier „wahnsinnig schwer“ nachzuweisen.

Allein in Niedersachsen sollen die Kassen jährlich 200 Millionen Euro für Sprechstundenbedarf ausgeben. Dieser ist umso teurer, desto spezialisierter die Ärzte sind. Bei den Verdächtigen soll es sich hauptsächlich um Orthopäden handeln. Sie sollen die Kassen seit mehreren Jahren betrogen haben.

Der Verband der Ersatzkassen in Niedersachsen zeigte sich entsetzt über die Vorwürfe. Die Ermittlungen seien seit längerem bekannt. „Wir waren schon damals vom Ausmaß überrascht, in welchem Umfang hier doch betrügerisch vorgegangen wurde“, sagte der Leiter des Verbandes, Jörg Niemann, NDR Info.