Berlin/Edewecht/Hannover - Kölsch aus Minnesota? Bayerische Brezen aus Boston? Hessischer Apfelwein aus Kalifornien? Oder Ammerländer Schinken aus Chicago? Wer die Chance des Freihandels mit dem riesigen US-Markt nutzen wolle, könne „nicht mehr jede Wurst und jeden Käse als Spezialität schützen“, hatte Bundesagrarminister Christian Schmidt am Wochenende erklärt und damit einen Proteststurm ausgelöst.
Von Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, der weiteren Schutz für die Rostbratwurst aus seinem Bundesland einforderte, über die Grünen, die dem Agrarminister „Salamitaktik“ im Freihandels-Streit vorwarfen, bis hin zum Bauernverband, der von einem Ablenkungsmanöver sprach: Die Kritik fiel deutlich aus.
Vom Kunden gewünscht
Auch bei Herstellern erntete Schmidt mit seinen Aussagen Kopfschütteln. „Von einer Aufweichung beim Schutz regionaler Spezialitäten halten wir gar nichts“, sagte Stephan Holst, Sprecher der Bell Deutschland GmbH, die unter der Marke Abraham in Edewecht Ammerländer Schinken produziert. „Regionale Produkte werden vom Verbraucher gewünscht und daran sollten wir auch festhalten“, sagte er. Abraham ist einer von neun Betrieben (neben Bley, Brosig, Meyerjürgens, Karl Hobbie, Fritz Krüger, Fritz Luers, Georg Meinen und Ripken), die sich im Verein zum Schutz der Herkunftsbezeichnung Ammerländer Schinken zusammengeschlossen haben.
Am Montag nun ruderte CSU-Mann Schmidt eilig zurück und bemühte sich um Klarstellung. Demnach will er mit dem geplanten Freihandelsabkommen „TTIP“ keinesfalls Tor und Tür für Spreewälder Gurken oder Nürnberger Rostbratwurst made in USA öffnen. „Mir geht es um eine klare Position in den TTIP-Verhandlungen“, sagte der Minister dieser Zeitung. „Ich stehe ganz klar zum Prinzip der geschützten Herkunftskennzeichnung. Diese Kennzeichnung dient dem Schutz und der Förderung traditioneller und regionaler Lebensmittelerzeugnisse, auch im Sinne der Verbraucher brauchen wir Klarheit und Nachvollziehbarkeit.“
Das Problem mit Herkunftskennzeichnungen ist allerdings, dass sie in Deutschland und innerhalb Europas oftmals nicht das halten, was sie versprechen. „Mindestens 90 Prozent des für Schwarzwälder Schinken verwendeten Schweinefleischs kommt zum Beispiel nicht aus dem Schwarzwald und darf trotzdem legal als regionales Produkt vermarktet werden“, erinnert Thilo Bode, Chef der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch.
„Wir müssen unsere Standards, so bei uns selbst einhalten, dass wir sie mit guten Argumenten den Amerikanern als Lösungsvorschlag präsentieren können“, so CSU-Politiker Schmidt. „Wir müssen in Europa den Schutz regionaler Spezialitäten konsequent durchsetzen.“ Er denke nicht an Abschaffung, sondern an „mehr Schutz der Herkunftskennzeichnung“.
Klare Kriterien
„Klare, einheitliche Kriterien“ würde sich auch Werner Detmering von der Marketinggesellschaft der niedersächsischen Land- und Ernährungswirtschaft wünschen. „Viele Verbraucher wissen gar nicht, was dahinter steht“, sagt er und verweist auf Umfragen, wonach zwar 80 Prozent der Verbraucher das Biosiegel kennen, aber nur 11 Prozent das EU-Geoschutzzeichen.
Zudem warnte er vor Überdramatisierungen. „Geoschutzprodukte haben zwar markenrechtlich eine hohe Bedeutung, wirtschaftlich aber nur eine geringe“, sagte Detmering.
In die gleiche Kerbe schlug auch das Landvolk Niedersachsen. „Regionale Spezialitäten haben ihre Bedeutung und ihren Markt. Für Niedersachsens Agrar- und Ernährungswirtschaft spielen andere Produkte aber eine weitaus größere Rolle“, sagte Sprecherin Gabi van der Brelie.
