• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Markt
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Events
  • Tickets
  • nordbuzz
  • FuPa
  • Werben
  • Kontakt
NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft

Viele Rentner wollen gerne weiterarbeiten

15.09.2015

Bonn /Lüneburg Als Uwe Lempert mit 65 Jahren in Rente ging, freute er sich darauf, endlich Zeit für seine Interessen zu haben. Für den Ingenieur, der die IT-Abteilung eines großen deutschen Unternehmens geleitet hatte, waren 60-Stunden-Wochen normal gewesen. Doch nachdem er ein Jahr lang viel gereist war und seinen Garten gepflegt hatte, reichte es ihm. „Mir war langweilig. Ich wollte wieder geistig gefordert sein“, sagt Lempert (Name geändert).

Der Rentner sah sich nach einer Beschäftigung um. Fündig wurde er bei der Duisburger Unternehmensberatung „Die Silberfüchse“, die Senior-Experten an Firmen vermittelt. Im Juli leitete er ein kleineres Projekt für eine Firma.

So wie der Berliner Ingenieur wollen immer weniger Rentner mit 65 die Hände in den Schoß legen. „Jeder zweite angehende Rentner hat Interesse an einer beruflichen Beschäftigung“, sagt Jürgen Deller, Professor an der Leuphana Universität Lüneburg und Forschungsdirektor des Silver Workers Research Institutes, Berlin. Schon heute arbeiteten 1,3 Millionen Ruheständler. Und die Zahl werde weiter steigen.

Dabei ist es offenbar nicht zunehmende Altersarmut, die immer mehr Rentner zurück an den Schreibtisch oder die Werkbank treibt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Forschern der Universität Bayreuth im Auftrag des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA). Menschen mit geringer Rente seien im Alter nicht häufiger erwerbstätig als Ruheständler mit hohem Einkommen, fanden die Wissenschaftler heraus. Alle Einkommensgruppen seien nahezu gleich vertreten. „Viele wollen arbeiten, weil der Beruf für sie Teil ihres Lebensinhaltes ist und sie daraus viel Selbstbewusstsein ziehen,“ beobachtet Deller.

So ging es auch IT-Fachmann Lempert. „Früher wurde ich immer gefragt. Jetzt fühlte ich mich plötzlich nicht mehr gebraucht.“ Da kam der Auftrag eines jungen Unternehmens wie gerufen. „Ich musste mich wieder auf den neuesten Stand bringen, das ein oder andere nachlesen. Das hat richtig Spaß gemacht“, freut sich der Ingenieur und hofft nun, dass die Zusammenarbeit mit seinem neuen Arbeitgeber fortgesetzt wird. Eine Vollzeit-Beschäftigung käme für ihn allerdings nicht mehr infrage.

Die Wirtschaft hat die rüstigen Rentner allerdings bislang noch nicht als Ressource entdeckt. Deller beobachtet, dass das Interesse an der Expertise der Senioren bei den Unternehmen verhalten ist. Diese Erfahrung machte auch Karl Wulftange, als er vor fünf Jahren in den Ruhestand ging und „Die Silberfüchse“ gründete. „Die Akquise ist mühselig“, stellt er fest. 150 arbeitswillige Rentner hat er in seiner Kartei. Lediglich 20 von ihnen konnte er bislang einen Job vermitteln. „Ich stoße bei den Unternehmen oft auf Skepsis“, bedauert Wulftange.

Angesichts der demografischen Entwicklung werde die Wirtschaft künftig aber zunehmend auf das Können von Ruheständlern angewiesen sein, erwartet Deller. Einige große Unternehmen haben die Zeichen der Zeit bereits erkannt und setzen auf die Erfahrung ihrer Ehemaligen, wie etwa der Autobauer Daimler oder der Versandhändler Otto.

Andere Unternehmen sind da sehr viel zögerlicher. Ein Grund dafür sei die komplizierte und teilweise ungeklärte Rechtslage bei der befristeten Beschäftigung von Rentnern, sagt Deller. Immerhin hat der Gesetzgeber im Juli vergangenen Jahres beschlossen, dass Unternehmen ein bestehendes Arbeitsverhältnis mit ihren Beschäftigten für eine befristete Zeit über den Renteneintritt hinaus mehrfach verlängern können.

Das gilt aber nicht für Arbeitswillige, die nach dem Eintritt in den Ruhestand bei einem anderen Unternehmen weiter arbeiten wollen. Für sie gelten dann gesetzliche Bestimmungen, die die wiederholte Befristung von Arbeitsverhältnissen einschränken. Die Unternehmen hätten deshalb Angst, dass Rentner sich einklagen könnten, wenn sie diese mehrfach für zeitlich begrenzte Projekte beschäftigen, sagt Deller. Hier müssten die Gesetze dringend der Lebenswirklichkeit angepasst werden, fordert der Wirtschaftspsychologe.