Oberdeich/Nordenham - Wenn Angelika Czenkusch im Motorrad-Beiwagen sitzt und mit ihrem Mann durch die Wesermarsch fährt, dann vermuten wohl die wenigsten eine vierfache Großmutter in der Motorrad-Kluft. Obwohl die 68-Jährige gerne strickt, passt sie aber auch so gar nicht in das Klischee der strickenden Omi, die den Großteil ihres Ruhestands im Schaukelstuhl verbringt. Sie ist Fan von Borussia Dortmund. Das Motorrad, mit dem sie bis vor sechs Jahren noch selbst fuhr, bevor sie aus gesundheitlichen Gründen im Beiwagen Platz nehmen musste, ist schon eher ein Sinnbild für die aktive Unruheständlerin, die ihre Energie nutzt, um anderen Menschen zur Seite zu stehen: vor allem den Älteren, die auf Hilfe angewiesen sind.

Angelika Czenkusch ist seit 17 Jahren im Vorstand der Arbeiterwohlfahrt Nordenham, seit sieben Jahren ist sie Vorsitzende des Ortsvereins. „Mein Mann sagt immer, ich hätte immer noch einen Full-Time-Job“, erzählt die Rentnerin, „aber ich sehe das gar nicht so, mir macht die Arbeit einfach großen Spaß.“ Bei der AWo ist Angelika Czenkusch nicht nur Vorsitzende, sondern Mädchen für alles. Wenn sich die Senioren einmal in der Woche im Vereinsheim am Carl-Zeiss-Weg treffen, dann ist die 68-Jährige, die in Oberdeich wohnt, in der Regel längst da. Schließlich muss die Kaffeetafel gedeckt werden. Zusätzlich holt Angelika Czenkusch noch Teilnehmer von zu Hause ab und bringt sie nach dem Seniorennachmittag wieder nach Hause.

Angelika Czenkusch bereitet das Jahresprogramm vor, telefoniert mit Busunternehmen, um Ausflüge für die Gruppe auf die Beine zu stellen, hält Kontakt zu weiteren Ortsvereinen in Nordenham, kümmert sich um Referenten, die vor den Senioren interessante Vorträge halten, bereitet die Feste vor, besucht Mitglieder im Krankenhaus oder wenn sie Geburtstag haben. Und sie ist darüber hinaus Ansprechpartnerin in allen Lebenslagen. Wer ein Problem hat, wendet sich an die Vorsitzende. Angelika Czenkusch hilft, wo sie kann.

Die 68-Jährige ist in Berlin geboren. 1981 kam sie mit ihrem Mann, der im Einswarder Flugzeugwerk einen Job bekam, in die Wesermarsch. Zuvor war Angelika Czenkusch als Beamtin beim Bezirksamt Berlin-Tempelhof angestellt. Nach dem Umzug an die Unterweser arbeitete sie acht Jahre als Geschäftsführerin des Gymnasiums in Jaderberg. Sie stieg als Teilhaberin in einem Friseursalon in Rodenkirchen ein und stand Mitte der Achtzigerjahre plötzlich vor der Entscheidung, den Laden ganz zu übernehmen. Angelika Czenkusch hatte Lust auf die Herausforderung. Im Eiltempo eignete sie sich die Fähigkeiten an. Die Gesellenprüfung bestand sie auf Anhieb, es folgten Abendschule, Weiterbildung in Kosmetik und Fußpflege, Meisterprüfung im Friseurhandwerk, ein Salon an der Atenser Allee, später in Blexen.

Und ganz nebenbei schloss die gebürtige Berlinerin auch noch eine Ausbildung in der Altenpflege ab. Bei ihren Hausbesuchen als Friseurin hatte sie es immer wieder mit betagten Mensch zu tun. Angelika Czenkusch war es wichtig, diesen Menschen helfen zu können. Noch heute besucht sie Kunden von damals und macht ihnen die Haare. Und mehr noch: Sie kauft für sie ein und hilft im Haushalt – alles ehrenamtlich, ohne, dass sie einen Cent dafür erwartet.


Die Freude, anderen Menschen zu helfen, ist der Antrieb für Angelika Czenkusch. Ihr Lohn ist die Dankbarkeit der Senioren.