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Beschäftigung Vom Willen in Deutschland Fuß zu fassen

Oldenburg - Optionskommune, Bedarfsgemeinschaft, Mehrbedarfszuschlag – das Sozialgesetzbuch II in Deutschland kennt so einige Begriffe, die selbst vielen Einheimischen vermutlich nicht gleich geläufig sein dürften. Doch wie mag das erst jemandem ergehen, der aus einem ganz anderen Sprach- und Kulturkreis kommt?

„Am Anfang musste ich wirklich fast jeden Fachbegriff nachschlagen“, sagt Wahid Almaami in nahezu fließendem Deutsch. Doch der 21-Jährige musste keineswegs gezwungen werden, sich mit den Feinheiten der deutschen Sozialgesetzgebung zu beschäftigten. Er macht es freiwillig. Seit 1. September 2016 absolviert der gebürtige Syrer eine Ausbildung zum Fachangestellten für Arbeitsmarktdienstleistungen bei der Agentur für Arbeit Oldenburg-Wilhelmshaven.

„Wir freuen uns sehr, dass wir mit Wahid Almaami einen jungen Mann für uns haben gewinnen können, der als Flüchtling aus Syrien nach Oldenburg gekommen ist“, sagt Dr. Thorsten Müller, Leiter der Arbeitsagentur. Zum einen wolle die Agentur für Arbeit auch selbst einen Beitrag zur Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt leisten. Zum anderen verspreche man sich mit der Einstellung des jungen Syrers aber auch, dass er ganz besondere Erfahrungen, etwa in Sachen Sprachkompetenz, in die Ausbildung einbringen kann. Bundesweit haben 2015/16 laut Müller insgesamt 71 Flüchtlinge eine Ausbildung bei Arbeitsagenturen aufgenommen.

Seit 2013 in Deutschland

Der junge Syrer ist vor vier Jahren zusammen mit seiner Familie, fünf Geschwister und die Eltern, vor dem Bürgerkrieg in seinem Heimatland geflohen und nach Oldenburg gekommen. In seiner Heimatstadt Al-Hasaka, im Nordosten Syriens, ging Wahid Almaami damals aufs Gymnasium. Seinem Vater gehörte ein kleines Unternehmen.

„Am Anfang war es echt schwierig in Deutschland“, sagt der 21-Jährige. Eine andere Kultur, eine andere Sprache. „Selbst beim Schreiben musste ich mich umstellen: In Syrien schreiben wir von rechts nach links, hier von links nach rechts.“ Dennoch versuchten Wahid Almaami und seine Familie, schnell Fuß zu fassen. Er absolvierte Deutschkurse, besuchte an der BBS Haarentor in Oldenburg die Berufsfachschule mit dem Schwerpunkt Einzelhandel, schaffte den Realschulabschluss und machte Praktika, etwa bei der EWE und in einem Sportgeschäft.


„Mein Ziel ist es, erst einmal eine gute Ausbildung abzuschließen und damit eine vernünftige berufliche Basis zu haben“, begründet Wahid Almaami seine Entscheidung, eine Ausbildung bei der Arbeitsagentur zu machen. Außerdem habe er nach einer Tätigkeit gesucht, bei der er täglich Kontakt mit Menschen habe und ihnen helfen könne.

Der junge Syrer wird dabei genau die gleiche dreijährige Ausbildung in Theorie und Praxis zum Fachangestellten für Arbeitsmarktdienstleistungen absolvieren wie jeder andere auch, sagt Simone Lorenzen, als Pädagogische Fachkraft für die Betreuung der Auszubildenden bei der Arbeitsagentur zuständig. Einziger Unterschied: Bei Bedarf könne Sprachförderung angeboten werden.

Die ersten Monate mit Einführungswochen, Berufsschule, und ersten praktischen Erfahrungen mit Kundenkontakt, etwa beim Entgegennehmen und Bearbeiten von Arbeitslosmeldungen, seien zwar schwierig, aber auch interessant und lehrreich gewesen, sagt Wahid Almaami – und das nicht nur inhaltlich. Unter den sieben Auszubildenden, die zum 1. September bei der Arbeitsagentur angefangen haben, ist er der einzige Mann. „Das war schon eine neue Erfahrung für mich“, sagt er lachend.

41 Auszubildende

Für Agenturchef Müller zeigt das Beispiel von Wahid Almaami, dass die Integration von Flüchtlingen in Ausbildung und Arbeit gelingen kann. „Man braucht schon einen langen Atem, aber erste Erfolge sind sichtbar“, meint er. Im Agenturbezirk Oldenburg-Wilhelmshaven habe es 2016 insgesamt 5291 arbeitssuchend gemeldete Flüchtlinge gegeben, davon hätten 41 einen Ausbildungsplatz und 482 eine Arbeitsstelle gefunden – zusammen also rund zehn Prozent. „Das ist genau das, was wir erwartet haben“, sagt Müller.

Wenn Wahid Almaami gefragt wird, was das Wichtigste ist, um als Flüchtling in Deutschland Fuß zu fassen, muss er nicht lange überlegen: „Der Wille ist das Entscheidende.“ Die Fachbegriffe der deutschen Sozialgesetzgebung können ihn zumindest nicht abschrecken.

Jörg Schürmeyer
Jörg Schürmeyer Thementeam Wirtschaft
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