Bösel - Anfang der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts sollte es ein blühender Zweig der Landwirtschaft werden: der Tabakanbau in der Gemeinde Bösel. Die Vorreiterrolle übernahm das Moorgut Kartzfehn.
In den Nachkriegsjahren wurde von Hans-Rolf von Kameke das Moorgut Kartzfehn weiter als Kartoffelvermehrungsbetrieb aufgebaut. Auf den wenigen Sandbodenflächen kam dann der Tabakanbau hinzu. In zwei eigenen kleinen Glasgewächshäusern wurden die benötigten Tabakpflanzen vorgezogen.
Der Tabak als Erzeugnis heimischer Bodenkultur erfordert einen großen Aufwand von Arbeitskräften. Die gegen Frost und raue Witterung sehr empfindliche Pflanze gedeiht nur in Gegenden mit langen, warmen Sommern in milder geschützter Lage. Die alteingesessenen Bauern kannten wohl die Drei-Felder-Wirtschaft, aber sie wussten mit dem Tabakanbau nichts anzufangen. Und Raoters Cleim meinte: „Dat heff `n sinnigen Dot!“
Die Tabakpflanzen mussten vor Nachtfrösten geschützt werden. Die Kartzfehner holten vom Sägewerk Kühling in Garrel mit Pferd und Wagen Sägemehl und legten dann im Abstand von fünf Metern 30 cm hohe Sägespänehaufen in die Tabakkultur. Bei einsetzendem Nachtfrost wurden die Haufen angezündet. Der sich entwickelnde Qualm schützte die Pflanzen vor Frost.
Landwirt Hans Block war noch jung und offen gegenüber Neuheiten. Als er im Frühjahr die ersten kleinen Tabakpflänzlinge setzte, zuckten seine Standeskollegen die Schulter und standen der ganzen Sache skeptisch gegenüber. Und Hans Block dachte an das alte Sprichwort: „Wat dei Buer nich kennt, dat frett hei nich!“ und sagte dann zu sich: „Ick biet dor in!“
Doch wider Erwarten wuchsen die kleinen Pflänzlinge schnell heran. Auf dem Hof Block wurde bis zu zehn Hektar Tabak angepflanzt. Aber schnell stellte sich heraus, das die erforderliche Pflege enorm hoch ist.
Sobald die Blätter anfangen, gelb zu werden und einen starken Geruch auszuströmen, was Ende August oder Anfang September der Fall ist, beginnt die Ernte nach der alten Regel: „Maria Geburt (8. September) muss der Tabak furt.“
Auf dem Moorgut Kartzfehn wurden die gesammelten und gebundenen Tabakblätter dann im Kuhstall zum Trocknen aufgehängt. Der Trockenraum wurde anfänglich mit Kohlebriketts, später mit Torf geheizt.
Auf dem Hof Block wurden durchschnittlich 20 Frauen und Mädchen mit dieser Arbeit beschäftigt. Zuerst müssen die Tabakblätter gepflückt, dann zur Trockenanlage gebracht werden. Die Blätter werden dann von sachkundiger Hand mit Bindfaden an Stöcken befestigt und in einen Trockenraum gebracht. Durch Umbau der alten Molkerei an der Friesoyther Straße wurde in diesem Gebäude ein Trockenraum geschaffen, in dem die Blätter mittels heißer Luft getrocknet wurden.
Während der etwa dreitägigen Trocknung nehmen die Blätter eine bräunliche Färbung an. Dann werden sie gebündelt und gepresst. Das so entstehende Bündel nennt man eine Docke. Diese Docken werden zu großen Ballen zusammen gelegt und zum Versand gebracht. Der hiesige Sammelplatz war vor dem Gasthaus Waldesruh bei Ahlhorn.
Es gab Befürworter und Gegner des Tabakrauchens. In der Kirche wurde heftig dagegen gepredigt. Aber alles Wettern gegen den Tabakgenuss hat nicht dazu geführt, dass der Tabakanbau in der hiesigen Gegend nach wenigen Jahren eingestellt wurde. Dass schafften alleine der hohe Arbeitsaufwand und das Wetter, die dem Tabakanbau den Garaus machten.
