VOR DEM WEHE - Es ist Winter. Von den Bienen ist weit und breit nichts zu sehen. Sie wärmen sich gegenseitig in den Kästen und versuchen, die Minustemperaturen zu überstehen. Wer vermutet, dass auch die Imker in dieser Jahreszeit in eine Art Winterschlaf verfallen sind, hat sich aber getäuscht. Das zeigt der Blick in das Gartenhaus von Imker Heino Hollmann im Dorf Vor dem Wehe sofort. Rund 15 Frauen und Männer sind vollauf beschäftigt an diesem Wintermorgen. Es dampft aus einem großen Topf, mit der Schöpfkelle wird eine Flüssigkeit in Formen gegossen, in einer Ecke hebt ein Mann Platten aus einem „Waffeleisen“, und ein großer Tisch steht voll mit Büchern, Tuben, Figuren und vielem mehr. Alle Tätigkeiten und Gegenstände eint: Sie haben ganz oder teilweise mit Wachs zu tun. Denn der Imker im Winter hat die Zeit, sich dieses wertvollen Stoffes anzunehmen. Das bekannteste Ergebnis aus dem Meer der tausend Verwendungsmöglichkeiten: Kerzen.
Direkt auf dem ersten Tisch neben der Eingangstür steht ein großer Kessel. „Auf 80 Grad wird das Wachs erhitzt“, berichtet der Vorsitzende der Imkervereins Wildeshausen, Uwe Endesfelder, und rührt die Flüssigkeit. Auf dem Tisch liegen viele Formen aus Silikon, für kleine und große, dünne und dicke Gusskerzen. Endesfelder lässt die kleine Schöpfkelle in die goldbraune Flüssigkeit eintauchen und gießt sie dann behutsam in die Form. Vier bis fünf Minuten abkühlen, dann den Docht, einen Baumwollfaden, setzen und mit einer Haarspange in der Mitte befestigen. Fertig ist das Naturprodukt.
Mitunter werden die Kerzen verkauft, auch als kleine Geschenke seien sie geeignet, so Endesfelder. „Echte Bienenwachskerzen sind noch ein Produkt anspruchsvoller Qualität“, so der Klattenhofer Götz Neuber. Mit der Massenware der Weihnachtsmärkte habe das kaum etwas gemein. Die im Handel üblichen künstlich-chemischen Aromen sind bei den Imkerkerzen verpönt. Schon so ist die Vielfalt der Stoffe im echten Bienenwachs nämlich faszinierend: Es sind mehr als 300. Die Bienen brauchten denn auch Hunderte von Vitalstoffen, also eine möglichst vielfältige Tracht, um dieses Wachs produzieren zu können, erläutert Neuber.
In einer anderen Ecke des Hollmann’schen Schuppens ist Reinhold Schäfer aktiv. Er steht an einer wassergekühlten Mittelwandmaschine, die an ein großes Waffeleisen erinnert. In diese Gussform gießt er das Wachs, schließt die Klappe und holt dann nach kurzer Zeit die hoffentlich perfekte Mittelwand hervor. Wenn nicht, ist das auch nicht schlimm. „Was nix geworden ist, wird wieder eingeschmolzen“, sagt Schäfer.
Die Mittelwände interessieren die Imker heutzutage besonders am Wachs. „Jeder ist bestrebt, seinen eigenen Wachskreislauf aufzubauen“, erklärt Harald Wulferding, „Dann braucht der Imker keine Mittelwände zu kaufen, weil er sie sich aus seinem eigenen Wachs gießen kann“, so der Ehrenvorsitzende des Wildeshauser Vereins. Der Club hat folglich auch zwei Mittelwandpressen zum Ausleihen an die Mitglieder.
Der Vorteile des eigenen Kreislaufs: Der Imker weiß, was drin ist. „Das Wachs vergisst nichts“, sagt Endesfelder. Eben auch nicht, wenn es einmal Pestizide und Chemikalien enthalten hat. Die bleiben drin, bei einer fremden Quelle womöglich eine Gefahr für die eigenen Völker. Die andere Eigenschaft, die Wachs ziemlich einzigartig macht. „Es hält ewig, es altert nicht“, sagt Endesfelder. Da es nicht ranzig wird und stinkt, war es früher der einzige Stoff, der sich zur dauerhaften Holz- und Lederpflege eignete.
Am Tisch von Götz Neuber ist zu bewundern, wie die Menschheit sich seit ewigen Zeiten dieses Bienenprodukt zunutze macht. Die kunstvolle Kerze ist längst nicht alles. Salben, Tabletten, Shampoos, Pflegemittel und viel mehr gehören dazu. „Heute wird Bienenwachs in vielen Gebieten von Industrie und Handwerk verwendet. Die Körperpflege- und Wellnessbranche, die Medizin und die Kunst kommen nicht ohne Wachs aus!“, betont Neuber. Zwar gebe es heutzutage viele Ersatzstoffe in Form von Montanwachs, die aus Erdöl, Torf oder Braunkohle hergestellt würden. Doch: „Bienenwachs ist unter all’ diesen Stoffen einer der wenigen nach-Wachs-enden Rohstoffe“ , legt der Klattenhofer Wert auf diese nachhaltige Betonung. Mit abnehmenden Montanressourcen werde das Bienenwachs damit wieder wichtiger werden. Neubers Fazit gilt da sicher nicht nur dem Wachs: „Hoffentlich bleiben der Menschheit die Bienen erhalten.“
