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Gefährliche Keime In Immer? „Das Geflügel hat uns umzingelt“

Karsten Krogmann

Immer - Und wenn sie einfach wegziehen würde?

„Wegziehen?“ Manuela Hohnholz springt vom Stuhl auf, auf dem Küchentisch zappeln die Gerichtsakten und die Flurkarte. „Nie im Leben“, ruft sie zornig, „wir waren zuerst hier!“

„Zuerst“ bedeutet: vor all diesen Tieren.

Jetzt stehen zwei Putenställe vor ihrem Haus, laut Flurkarte 400 Schritte entfernt. Hinter ihrem Haus stehen drei Putenställe, 700 Schritte entfernt. Und weiter die Straße hinunter stehen Ställe für Hähnchen und für Gänse. „Das Geflügel hat uns umzingelt“, schäumt Hohnholz.

Manuela Hohnholz (49) und ihr Partner Holger Cordes (46) leben in Immer, Gemeinde Ganderkesee. Ein Richter hat das von Amts wegen als „Wohnen im ländlichen Außenbereich“ eingestuft: ein Bereich, der durch „intensive Landwirtschaft“ geprägt sei.


Allerdings ist die intensive Landwirtschaft im ländlichen Außenbereich in den vergangenen Jahren merklich intensiver geworden, vor allem im Geflügelbereich.

Immer mehr Tiere

Im Jahr 2000 gab es im Landkreis Oldenburg 3,56 Millionen Masthähnchen, Puten und Legehennen. Vier Jahre später waren es 5,74 Millionen. Wieder vier Jahre weiter waren es 6,66 Millionen. Und Ende 2012 gab es dann 8,7 Millionen Masthähnchen, Puten und Legehennen.

Der Trend zur Geflügelzucht ist keine Landkreis-Besonderheit, es gibt ihn niedersachsenweit. Das zeigen die jüngsten Zahlen des Statistischen Landesamtes: Bis 2013 wuchs die Zahl der Hühner und Puten im Land auf 95 Millionen; 2010 waren es noch 55,5 Millionen.

Und das stinkt Manuela Hohnholz, buchstäblich.

„Warten Sie“, sagt sie, „gleich müsste er kommen.“ Sie meint den Kadavertrecker.

Wo viele Tiere leben, sterben auch Tiere. 50 Schritte vor dem Haus von Hohnholz und Cordes steht die amtlich vorgeschriebene Kadavertonne des Putenmästers.

Aus sogenannten tierseuchenhygienischen Gründen (gemeint ist zum Beispiel die Ansteckungsgefahr mit Vogelgrippe) darf eine Kadavertonne nicht direkt bei den Ställen stehen, sie muss aber von öffentlichen Verkehrswegen aus erreichbar sein. Deshalb fährt der Putenmäster seine verendeten Tiere mit dem Kadavertrecker vom Stall zur Tonne an der Kreisstraße: Deckel auf, Kadaver rein, Deckel zu. Alle paar Tage kommt dann der Kadaverlaster der Tierkörperbeseitigungsanlage zum Entleeren der Tonne: Deckel auf, Kadaver raus, Deckel zu.

„Wir können nicht mehr auf der Terrasse sitzen, wir können keine Wäsche raushängen – überall ist Aasgestank!“, schimpft Hohnholz.

Und noch etwas: „Da kommen doch auch überall diese Keime raus, aus der Tonne und aus den Ställen! Hier wird mit unserer Gesundheit gespielt!“

Hohnholz und Cordes zogen vor Gericht und forderten: Die Kadavertonne muss weg.

Die Tonne ist nicht irgendein Holzfass. Es handelt sich um eine stählerne Kammer, unterirdisch, gekühlt, von außen begrünt. Das Kreisveterinäramt bestätigt der Tonne nicht nur die Zulässigkeit, es nennt sie sogar „vorbildlich“.

Der Richter ordnete dennoch einen Ortstermin an, vor Publikum ließ er den Deckel öffnen. Er stoppte Ladezeiten und berechnete Windrichtungen. Am Ende kam er unter Berücksichtigung des Stichworts „ländlicher Außenbereich“ zu dem Schluss, dass die Tonne bleiben darf: Zwar sei der Geruch „nicht angenehm“ und „bei passender Windrichtung“ auch 50 Meter entfernt feststellbar – „aber es handelt sich damit noch um keine wesentlich Beeinträchtigung“.

Und die Keime?, fragt Manuela Hohnholz, sie steht immer noch wütend vorm Küchentisch. Das Gerichtsurteil empfindet sie als Dokument der Ahnungslosigkeit.

Nachgewiesen ist, dass es multiresistente Keime in Nutztierställen und auf Nutztierfleisch gibt. Erst vor wenigen Tagen veröffentlichte der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) die Ergebnisse einer Untersuchung von Putenfleisch aus dem Discounter: Demnach wurden auf 88 Prozent der Proben MRSA- oder ESBL-bildende Keime gefunden.

Nachgewiesen ist auch, dass Menschen, die in direktem Kontakt mit diesen Nutztieren stehen, häufig mit MRSA besiedelt sind. Das Bundesgesundheitsblatt berichtete unlängst von „etwa 77 bis 86 Prozent der Landwirte und 45 Prozent der Tierärzte“, die betroffen seien. Das Robert-Koch-Institut (RKI) stuft diese Menschen als Risikopatienten ein und empfiehlt für sie ein MRSA-Screening bei der Aufnahme in ein Krankenhaus.

Wenig bekannt ist indes zur Verbreitung von sogenannten ESBL-Bildnern vom Tier zum Menschen. „Da wird zur Zeit sehr viel geforscht“, heißt es im RKI.

Keine Risikopatientin

Aber was bedeutet das nun für Stall-Nachbarn wie Manuela Hohnholz?

Laut dem Bundesamt für Risikobewertung (BfR) in Berlin sind MRSA-Keime in der Stallluft enthalten, sie werden daher „mit der Abluft aus den Ställen freigesetzt“. Forscher der Freien Universität Berlin haben MRSA noch in 500 Meter Entfernung nachweisen können. Für das Niedersächsische Landesgesundheitsamt erklärt Sprecherin Dagmar Ziehm aber: „Es ist davon auszugehen, dass auf diesem Weg keine Übertragung auf den Menschen stattfindet.“

Zwar kann laut BfR eine Besiedlung mit Tier-MRSA vereinzelt auch bei Menschen ohne direkten Tierkontakt auftreten (die Rede ist von einem Prozent der Allgemeinbevölkerung in ländlichen Regionen in Niedersachsen). Gesundheitsamtssprecherin Ziehm gibt aber auch hier Entwarnung: „Bislang gibt es keine konkreten Belege dafür, dass Personen, die im Umkreis von Tierhaltungen leben und keinen unmittelbaren Kontakt zu Tieren und Tierhaltungsbetrieben haben, ein höheres Risiko besitzen.“

Und die Kadavertonne?

„Eine Übertragung aus den Tonnen über die Umwelt ohne direkten Kontakt zu den Kadavern ist aus unser Sicht als unwahrscheinlich einzuschätzen“, sagt Ziehm dazu.

Kurz: Frau Hohnholz ist keine Risikopatientin.

Frau Hohnholz schnaubt trotzdem: „Seit die Tonne da ist, geht es mir schlecht!“

Nun wäre eine Besiedelung mit Keimen noch lange keine Infektion, und auch die wird lebensgefährlich erst für Menschen, die bereits krank und schwach sind. Aber Manuela Hohnholz steht da im ländlichen Außenbereich, im Haus fünf Aktenordner und eine Flurkarte, und sagt: „Ich muss Antidepressiva nehmen.“ Irgendwie haben die Tiere sie tatsächlich krank gemacht.

Ein Schlichtungsversuch

Gegenüber wohnt der Putenmäster, Landwirt Onno Osterloh, 36 Jahre alt. Er seufzt: „Wir machen niemanden krank.“ Er halte sich an Recht und Gesetz; die Tonne stehe auf dem einzig möglichen Platz, den sein Land biete. Trotzdem sei er bereit, eine andere Fläche zu pachten und die Tonne auf eigene Rechnung umzusetzen, immerhin ein fünfstelliger Betrag. „Aber das ist schwierig“, sagt er.

Zurzeit läuft ein Schlichtungsverfahren, der Vorstand der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft moderiert.

Manuela Hohnholz lässt sich in ihren Küchenstuhl fallen. „Früher“, sagt sie, „war es so schön hier: kein Gestank, keine Angst vor Krankheiten, kein Stress.“

Ja, sagt Onno Osterloh, es hat sich viel verändert, in der Landwirtschaft, aber eben auch in der Gesellschaft. „Die Akzeptanz der Landwirtschaft schwindet jeden Tag mehr. Aber was sollen wir Landwirte denn machen?“

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