Peking/Wolfsburg - VW-Konzernchef Matthias Müller hat die Mitarbeiter des Autobauers auf anhaltend harte Zeiten eingestimmt, aber auch zu Mut und Zuversicht aufgerufen. „2015 war ein schweres Jahr für Volkswagen. Und 2016 wird nicht weniger anspruchsvoll“, schrieb der Vorstandsvorsitzende nach der Vorlage der Bilanzeckzahlen in einem Brief an die Belegschaft.
Milliarden zurückgestellt
Die Abgas-Krise und ihre Folgen stellten die Mannschaft vor große Herausforderungen, der Umbau des Konzerns binde Kapazitäten, und das laufende Autogeschäft verspreche „wenig Rückenwind“. Das Schreiben lag der Deutschen Presseagentur am Wochenende vor.
Der VW-Konzern hat allein für das Jahr 2015 wegen der Diesel-Krise mehr als 16 Milliarden Euro zurückstellen müssen und fuhr damit den größten Verlust aller Zeiten ein. Zu dem riesigen Finanzpuffer sagte Müller: „Das ist ohne jeden Zweifel schmerzhaft.“ Er betonte jedoch auch: „Wir haben den festen Willen, und wir haben die Mittel, um die schwierige Situation, in der wir uns aufgrund der Diesel-Thematik noch immer befinden, aus eigener Kraft zu bewältigen.“
Analysten hatten teils mit noch mehr Rückstellungen gerechnet. Seit dem Ausbruch der Diesel-Krise gibt es Spekulationen, wonach VW für die Folgen des Debakels womöglich neue Aktien ausgeben muss, Marken in Teilen an die Börse bringen könnte – etwa das Lkw-Geschäft – oder sich unter Umständen von einzelnen Töchtern ganz trennen müsste.
Unterdessen gibt sich der VW-Markenchef Herbert Diess selbstkritisch. Das Veränderungstempo bei VW führe „zu einer hohen Nervosität in der Arbeitnehmerschaft, zu einer hohen Belastung in der Arbeitnehmerschaft“, sagte der Manager am Sonntag vor dem Beginn der Automesse in Peking. In Zeiten des Abgas-Skandals läuft es für VW nur in China richtig rund. Der Konzern rechnet in diesem Jahr in China mit einem Absatzwachstum von mehr als sechs Prozent.
Am Donnerstag hatte VW in den USA, wo die Affäre um weltweit elf Millionen manipulierte Dieselwagen aufgeflogen war, die Eckpfeiler einer Einigung mit Klägern ausgehandelt. Für den Autobranchen-Analysten der NordLB, Frank Schwope, ist die Krise in Wolfsburg aber noch lange nicht ausgestanden: „Auch die Einigung in den USA ist lediglich ein Zwischenschritt eines Marathons, der sich auf die nächsten fünf bis zehn Jahre ausdehnen dürfte.“ Schwope rechnet mit Gesamtkosten von 20 bis 30 Milliarden Euro, wobei eher von einem Überschreiten auszugehen sei.
Hohe Erwartungshaltung
Müller betonte, dass Europas größter Autobauer ohne die Abgas-Affäre blendend dastünde. Ohne die gut 16 Milliarden Euro hohe Rückstellung hätte der Konzern das starke Vorjahresergebnis leicht übertroffen. In dem Schreiben ging er auch auf die Verschiebung der eigentlich für Ende April versprochenen Zwischenergebnisse ein, mit denen sich der Konzern zur Schuldfrage im Abgas-Skandal äußern wollte. „Eine entsprechende Veröffentlichung wäre zum gegenwärtigen Zeitpunkt mit unvertretbaren Risiken für Volkswagen verbunden“, sagte der Konzernchef und verwies auf eine entsprechende Erwartungshaltung der US-Behörden.
Müller rief auch zum Blick nach vorn auf: „Wir wollen und werden wieder angreifen! Eine Schlüsselrolle kommt hierbei unserer Strategie 2025 zu, die wir Ihnen und der Öffentlichkeit im Juni präsentieren wollen.“ Ein Datum nannte er nicht. Am 22. Juni ist Hauptversammlung bei VW, dann treffen sich die Aktionäre des Konzerns in Hannover.
