Bad Zwischenahn - Am Abend, als es dunkel wird, gruseln sich Robert und Frederik ein wenig. „Wir sind richtige Stadtmenschen“, sagt die Mutter der zwölf- und achtjährigen Jungen, Miriam Rittner. „Wir sind es nicht gewohnt, so einsam im Wald zu übernachten.“ Genau das hat die Familie aus Bremen gemacht: Sie hat zwei Nächte im Baumhaushotel in der Bad Zwischenahner Bauerschaft Aschhausen verbracht. Vier luxuriöse, 39 Quadratmeter große Holzkästen mit großen Fenstern und 20-Quadratmeter-Terrasse stehen dort auf Metallstelzen und eingehängt an Bäumen in einem Waldstück.
Sohn begeistert Mutter
Mit ihrem Kurzurlaub liegt Familie Rittner im Trend: 2005 eröffnete das erste Baumhaushotel Deutschlands bei Görlitz in Sachsen, inzwischen gibt es bundesweit mindestens 16. Allein in Niedersachsen sind es fünf, demnächst kommen zwei weitere: Auf der Elbinsel Krautsand und in Norden an der Nordsee. Manche Baumhäuser sind einfach gehalten mit Komposttoilette oben und Gemeinschaftsdusche am Boden – andere sind mit Küchenzeile, Designerbad und Fußbodenheizung ausgestattet. Die meisten Wipfelunterkünfte sind beheizbar und so auch im Winter bewohnbar.
Insa Otteken eröffnete ihr Baumhausresort in Bad Zwischenahn Ende 2011. Ihr Sohn hatte zuvor im Fernsehen einen Beitrag über Baumhaushotels in den USA gesehen – und war total begeistert. Seine Mutter ließ sich davon anstecken. Die Voraussetzungen, ein eigenes Resort aufzubauen, waren gut: Die Familie besaß ein Waldstück und Otteken kannte sich sowohl im Hotelgewerbe als auch im Marketing gut aus: Sie hatte Hotelfachfrau gelernt, Betriebswirtschaft studiert und in einer Werbeagentur gearbeitet. Ihre Gäste kommen inzwischen nicht nur aus Deutschland. „Wir haben auch international große Aufmerksamkeit“, sagt Otteken.
So machten schon wenige Monate nach der Eröffnung zwei indische Geschäftsleute in Aschhausen Station. Auf dem Rückweg aus Irland sind Sagar und Uttam Muthappa zwischen den Eichenstämmen abgestiegen. Die Brüder aus dem südindischen Bangalore hatten online von dem Projekt erfahren – und wollen ein ähnliches in ihrer Heimat umsetzen. Ihr Familienunternehmen Vasoo Builders ist seit 1964 in der Baubranche tätig.
In den vergangenen Jahren haben sie nach eigenen Angaben zahlreiche Hotel- und Tourismusprojekte umgesetzt. Derzeit arbeiten sie an einem Luxus-Resort. „Wir kennen den Architekten Andreas Wenning aus dem Internet“, berichtet ein begeisterter Uttam Muthappa. Nun hätten er und sein Bruder sich das einmal selber anschauen wollen.
Der Bremer Baumhaus-Architekt Wenning hat neben den Waldunterkünften in Bad Zwischenahn vier Meter über der Erde etliche Baumhäuser geplant, nicht nur in Deutschland, auch in Österreich, den USA und Argentinien. Für ihn liegt der Erfolg dieser Anlagen auf der Hand. „Baumhäuser sind losgelöst von konventionellen Orten, ein wunderschönes Refugium“, sagt er. „Und man kann gucken, was die Natur macht.“
Kein Aufzug
Einen Aufzug sucht man im Waldstück östlich des Zwischenahner Meeres vergebens. Stattdessen sind die vier Zimmer über knapp 20 Treppenstufen zu erreichen. Auch andere „Annehmlichkeiten“ normaler Hotels fehlen: Fernseher, Radio oder Telefon – auch wenn die Suiten selbstverständlich über Strom und Heizung und Badezimmer verfügen. Luxus gibt es dennoch – in Form von Design und hochwertigen Materialien.
Diesen Verzicht empfindet auch Otteken als größtes Plus: „Gäste haben uns berichtet, wie sie vom Schlafzimmer aus auf Augenhöhe in einem Vogelnest das Schlüpfen des Nachwuchses beobachtet haben.“ Fast täglich seien auch Rehe und Eichhörnchen im Eichenwald zu Gast. Auch Familie Rittner aus Bremen genießt die Natur. „Hier gibt es Vögel ohne Ende“, sagt Miriam Rittner. Ihre Söhne informieren sich mit einem Vogelkunde-Buch über die Namen.
Doch es ist nicht nur das Naturerlebnis, das Baumhaus-Resorts erfolgreich macht: So mancher erfüllt sich mit einem Aufenthalt auch einen Kindheitstraum. „Fast jeder hat als Kind davon geträumt, einmal ein Baumhaus zu bauen und darin zu spielen“, sagt der Hamburger Zukunftswissenschaftler Ulrich Reinhardt. „Jetzt wird dieser Traum möglich.“ Und zwar mit dem entsprechenden Komfort: „Die Qualität stimmt mittlerweile.“ Der wissenschaftliche Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen ist sich deshalb sicher, dass Baumhaushotels kein vorübergehender Trend sind. „Im Gegenteil: Es wird noch das eine oder andere dazu kommen.“
Und die Bestehenden wachsen: Die Betreiber des Baumhaushotels auf der Kulturinsel Einsiedel in Sachsen fingen mit fünf Einheiten in zehn Metern Höhe an, im Sommer soll nun das zwölfte Wipfelhaus bezugsfertig sein. „Für die beliebten Wochenendtermine gibt es lange Wartezeiten“, sagt Sprecherin Ulrike Konrad.
Auch Familie Rittner ist mit ihrem Kurztrip in den Wald zufrieden. „Generell finde ich es schön, oben zu sein“, sagt Miriam Rittner. „Und das Holz der Häuser wirkt beruhigend.“ Das allerdings fanden ihre Söhne eher nicht. Das ungewohnte Quietschen und Knarzen ließ sie am Abend zweimal kontrollieren, ob die Außentür auch wirklich abgeschlossen ist.
