WANGERLAND - Als der Zweite Weltkrieg vor 64 Jahren beendet war, waren Millionen Menschen ums Leben gekommen, lagen Städte in Trümmern und verloren Millionen Menschen ihre Heimat. Fast elf Millionen Menschen strömten aus dem Osten in ein Deutschland, das die eigene Bevölkerung kaum ernähren konnte. Auf die Gemeinden kamen große Herausforderungen zu, denn sie mussten die Menschen nicht nur unterbringen, sondern auch für Lebensmittel sorgen. Vielfach wurden ehemalige Lager, Barackenunterkünfte und leer stehende Häuser genutzt. Aber auch in Privatwohnungen wurden die Flüchtlinge eingewiesen.

Die Lager hatten noch weit über die Gründung der Bundesrepublik vor 60 Jahren Bestand. Eines davon befand sich in Schillig. Nachdem es zunächst von der Landgemeinde Minsen verwaltet worden war, wechselte es zum 1. Juni 1949 in die Zuständigkeit der zentralen „Verwaltung für Reichs- und Staatsvermögen“. Verbunden damit war die Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen, da die Unterhaltung des Lagers die kleine Gemeinde an die Grenze ihrer Belastbarkeit brachte. „Die Gemeinde Minsen wird zwar verwaltungsmäßig entlastet, aber nicht bezüglich der Sorge um die im Lager wohnenden Flüchtlinge“, schrieb damals die Nordwest-Zeitung.

Unter den Flüchtlingen, die im März 1945 ins Wangerland kamen, war Horst Kinski aus dem Kreis Osterode. Am Bahnhof war der Familie mit zehn Kindern, einem Vetter sowie Mutter und Großmutter bei einem Bombenalarm das Gepäck gestohlen worden. Mit einem Soldatenzug ging es bis Danzig. Nach einer Zwischenstation in Keslin kam die Familie nach Hannover und zuletzt nach Hohenkirchen. Ein Teil der Familie bekam im oberen Saal des damaligen „Dorfkrug“ Unterkunft. „Ich kam dann zu einer Frau Ortgies in Grimmens, mein Vetter kam zum Bäcker Böning und lernte das Bäckerhandwerk“, erinnert sich Kinski.

Später zog die Familie in ein Haus am Sportplatz, wo sie zwei Zimmer bewohnte. Im Haus lebte noch eine zweite Familie. „Wir schliefen mit sieben Personen in einem Zimmer, immer zwei in einem Bett. Tagsüber wurden die Betten abgebaut“, erinnert sich Kinski. „In den Ferien haben wir Erbsen gepflückt und im Frühjahr Disteln gestochen. Als ich 1950 aus der Schule kam, arbeitete ich in der Landwirtschaft“, erzählt er. Heute wohnt Kinski am Birkenweg in Hohenkirchen.

Schulbücher habe es nicht gegeben und wenn doch, wurden sie von einem zum nächsten gereicht. „Hunger hatte ich aber nie“, berichtet Kinski: Seine Mutter habe die Lebensmittelkarten gegen Tee und Zucker eingetauscht und das dann gegen andere Dinge eingetauscht. „Die Federbetten haben wir gegen Zucker bekommen“, berichtet der Vertriebene.


Auch Ruth Iggena, geborene Scholz, kam im Jahr 1945 mit einem Zug in Hohenkirchen an. „Wir wurden aus Olau bei Breslau vertrieben. Erste Station in Hohenkirchen war bei Johann Leiner in Weinberg.“ Die fünf Geschwister samt Mutter bezogen eine Wellblechbaracke. „Nachts liefen die Ratten und Mäuse durch den Raum“, weiß sie noch genau.

Später zog die Familie in die Gaststätte Albers in Neugarmssiel um. Dort bewohnten sie zweieinhalb Zimmer. Hungern hätten sie nie müssen, es gab immer gut zu essen.

Nach einigen Jahren zog die Familie, zu der sich der Vater aus der Kriegsgefangenschaft gesellte, in ein Haus nach Tettens. Das Haus war eines von vieren, die Anfang der 50er Jahre erbaut wurden.

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