WANGEROOGE - Architektonisch war der Kursaal nicht gerade ein Meisterstück. Doch viele schätzten den einmaligen Blick übers Meer.
Von Dirk Lindner
WANGEROOGE - Jeden Tag wird es ein bisschen weniger: Der Abriss des Wangerooger Kurhauses „Graf Luckner“ schreitet voran. Seit Wochen ist die Inselfirma Albers dabei, das Gebäude abzutragen.Errichtet wurde das Kurhaus in den Jahren 1972/73 vom Land Niedersachsen. Mit seiner Fassade aus rotem Klinker und grauen Putzplatten war es nicht gerade ein architektonisches Meisterwerk, doch bestach das Restaurant im oberen Stock mit dem herrlichen Blick über den Strand bis zum Horizont.
In den letzten Jahren war es diese Einmaligkeit, die die Diskothek „Lucky“ auszeichnete: In den Sonnenaufgang zu tanzen war für viele Jugendliche ein unvergleichbares Erlebnis.
Das Kurhaus war 14 Jahre lang vom Niedersächsischen Staatsbad geführt worden, bis es am 1. Januar 1986 im Rahmen der Kommunalisierung in den Besitz der Gemeinde überging. Das Restaurant wurde damals von Karl-Peter Hauck zum Gourmet-Tempel ausgebaut. Mit den folgenden Pächtern hatte die Gemeinde- und Kurverwaltung dann jedoch weniger Glück: Das „Graf Luckner“ erlebte einen häufigen Pächterwechsel.
In den Jahren 1995 und 1996 beherrschte das Gebäude die Diskussion auf der Insel: Im Gemeinderat dachte man über eine Umnutzung als Hotel nach – allerdings sollte die Nutzung des Kursaals festgeschrieben werden. Gespräche mit einem Investor scheiterten jedoch, da dieser lediglich an der Sanierung des Kursaals interessiert war.
Auch die erneute Aufforderung an alle Interessenten im April 1997, sich zu ihren früheren Angeboten zu erklären, führte zu keinem Ergebnis. Grundlage der erneuten Verhandlungen war u. a. der Erhalt des großen Kursaals samt Nebenräumen und ein Nutzungsrecht der Gemeinde.
Eine Verkehrswertermittlung von März 1997 bezifferte den Wert des Grundstücks auf 1,2 Millionen Mark. Der Zustand des Gebäudes war durch vernachlässigte Instandhaltung jedoch mehr als unbefriedigend: Schäden an Außenfassade, fehlende Außen- und Innenanstriche, defekte Türen und Fenster, unfertige Flachdachabklebungen und Feuchtigkeitsschäden nagten am „Graf Luckner“, außerdem waren Elektroinstallation und Sanitäranlagen dringend erneuerungsbedürftig.
Eine Sanierungsbegutachtung durch ein Ingenieurbüro bezifferte den Investitionsbedarf am 3. November 1997 auf knapp 2,3 Millionen Mark – unmöglich für die Gemeinde, diese Summe aufzubringen.
Vor diesem Hintergrund gründete sich 1997 der Förderverein „Unser Kurhaus“. Mit zuletzt 300 Mitgliedern setze sich der Verein für den Erhalt und die Renovierung des Kursaals ein, um ihn als kulturellen Veranstaltungsmittelpunkt zu erhalten.
Im Frühjahr 1998 konnte das Restaurant wieder verpachtet werden, der Förderverein investierte das gesammelte Geld in den großen Kursaal.
Die Vereinsmitglieder sanierten den Parkettboden, schafften neue Bühnenvor- und Aushänge an, arbeiteten Stühle auf und strichen die Räume neu. Zur Saison 1998 war der große Kursaal weitgehend wieder hergestellt.
2004 konnten die Wangerooger und ihre Gäste dann 200 Jahre Nordseebad u. a. mit der bejubelten Wangerooge Revue im Großen Kursaal feiern.
Bereits damals gab es schon Pläne, das „Graf Luckner“ im Rahmen der Umgestaltung der Strandpromenade West abzureißen. Mit der Abrissparty im vergangenen Oktober löste sich der Förderverein „Unser Kurhaus“ auf und Mitglieder und viele Insulaner verabschiedeten sich von ihrem großen Kursaal.
Doch Wangerooge bleibt nicht lange ohne kulturellen Mittelpunkt: Anfang des nächsten Jahres wird die Tennishalle am „Fußweg zum Westen“ zur Mehrzweckhalle mit angeschlossenem Kinderspielhaus umgebaut.
In die Planung wurden auch die Wangerooger Kulturträger eingebunden, damit möglichst viele ihrer Wünsche und Anforderungen umgesetzt werden können.
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NWZ/JEVER/.5
