WARDENBURG - „Wir fuhren durch die Stadt, die sonst im Verkehrschaos versinkt, und es war kein anderes Auto weit und breit zu sehen. Dann aber brach die Hölle los. Ich hatte keine Zeit mich zu fürchten, denn ich musste mich kümmern, dass die Angestellten irgendwie zurückgebracht werden konnten. (...) Unsere Krankenschwester schilderte über Handy, wie Menschen vom Kikuyu-Stamm alle Leute vom Luo-Stamm aus ihren Häusern vertrieben, Brände legten und Menschen ermordeten...“ Die Nachrichten, die derzeit aus dem fernen Kenia bei Angela Kunz per E-Mail oder als SMS ankommen, könnten dramatischer kaum sein. Sie stammen von Irene Baumgartner, die seit 1987 als Entwicklungshelferin in Afrika lebt und arbeitet.

Vor anderthalb Jahren schien die Welt noch in Ordnung. Kunz, Vorsitzende des Fördervereins „Tunza Dada“ (Kisuaheli: Der kleinen Schwester helfen), und Baumgartner, schilderten bei ihrem Besuch in der Wardenburger Everkampschule auf beeindruckende Weise, wie das von Baumgartner initiierte Kinderheim „The Nest“ sich für die Ärmsten der Armen einsetzt. Die damaligen Achtklässler stellten dem Gast aus Afrika nicht nur viele Fragen, sondern gaben der Entwicklungshelferin auch eine 300-Euro-Spende mit, die sie durch soziale Arbeiten selbst verdient hatten.

Keiner ahnte damals, was kurz vor dem Jahreswechsel 2007/2008 passieren sollte. Nach der umstrittenen Wahl in Kenia am 27. Dezember baute sich eine unheilvolle Spannung auf, die sich Anfang Januar – Präsident Kibaki hatte sich gerade zum Wahlsieger erklären lassen – in Gewalttaten entlud. Baumgartner ist entsetzt: „Ich bin seit 16 Jahren in Kenia. All das Vertrauen, der erlebte Fortschritt, die Hoffnungen – innerhalb von ein paar Tagen zerstört. Wir stehen irgendwie daneben, betroffene Beobachter, Akteure wie in Trance.“

Der blutige Konflikt, der die Arbeit des Kinderheims „The Nest“ zurzeit massiv bedroht, ist kein einfacher Streit zwischen herrschender politischer Kaste und Opposition. Es ist vor allem ein Krieg der Volksgruppen der Kikuyus und der Luo. Die Kikuyus stellen mit Kibaki nicht nur den Präsidenten, auf ihrem Land befindet sich auch das von Deutschland aus unterstützte Kinderheim. Ihre langjährige Krankenschwester Salome und viele weitere Helfer vom Stamm der Luo seien nach massiven Drohungen und Mordanschlägen in ihrem Umfeld geflohen, berichtet Baumgartner. Im Kinderheim selbst leben mittlerweile acht Mütter mit 21 Kindern, insgesamt soll eine Viertelmillion Menschen heimat- und obachlos sein.

Gerade weil „The Nest“ ein festes Dach über den Kopf bietet und die Lebensmittelvorräte des Heims noch groß sind, fürchten sich die Mitarbeiter. „Die Angst vor einem Überfall und Plünderungen ist groß“, gibt Baumgartner zu, hofft aber, dass die „vorsichtige Normalität“, die in den beiden Weißenvierteln herrsche, sich nach und nach auch auf andere Teile des Landes ausdehnt.


Noch sind Transportwege für Lebensmittel teilweise gesperrt, die Preise der Lebensmittel haben sich mehr als verdoppelt. Baumgartners Fazit klingt bitter: „Firmen, die Tourismusbranche und Banken müssen große Verluste hinnehmen. All die wirtschaftlichen Erfolge der letzten Jahre sind in Frage gestellt. (...) Die Folgen der sozialen Entwurzelung und Umschichtung sind zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht abzusehen und werfen das Land um Jahre zurück. Wir hoffen und beten, dass eine politische Lösung bald gefunden werden kann und der Zündfunke der Rache im Volke verglüht.“ Ans Aufgeben denkt sie nicht.

Wer das Kinderheim bei seiner Arbeit jetzt erst recht unterstützen möchte, kann dies über den Förderverein Tunza Dada (LzO-Konto Nr. 027402262, BLZ 28050100) tun.

Mehr Infos unter

www.thenesthome.com