Oldenburg - Oberbürgermeister Jürgen Krogmann hat seinen „alten grauen Lappen“ nicht mehr. „Da kommen Sie zu spät“, lässt er ausrichten. Er ist schon mit dem neuen EU-Führerschein am Steuer unterwegs – oder sein Chauffeur fährt, natürlich nur bei Dienstfahrten. Ratsherr Hans-Richard Schwartz hingegen sagt von sich, er sei eher der Sammlertyp und hat seinen alten Führerschein noch „irgendwo in der Schublade“. Aber die Sammelleidenschaft sei es nicht ausschließlich. „Der gehört ja auch irgendwie zu meiner Identität“, erklärt der pensionierte Jugendrichter und erinnert sich noch, dass er bei der Führerscheinprüfung 1974 vor dem Pferdemarktkreisel durchaus Respekt hatte. „Aber es ging alles gut. Ich habe beim ersten Mal bestanden.“ Sein grauer Schein hat schon einiges erlebt. Der sei schon mal ins Wasser gefallen, und auch die Rostflecken von den Metallösen haben schon das Schwarz-Weiß-Foto mit Rostpatina überzogen. „Damals hatte ich noch einen Rauschebart und deutlich mehr Haare“, meint Schwartz mit Blick auf das Foto.

Eine richtige „Matte“ hatte Wolfgang Heppner, künstlerischer Leiter der Werkschule, damals. Auch er hat den „ungültig“ gestempelten „alten Lappen“ behalten. „Es war doch eine prägende Zeit für uns“, erklärt er, „und der Führerschein war der erste Schritt ins Erwachsenenleben.“ Man fieberte dem Termin entgegen, erinnerte er sich. Außerdem habe das Auto damals eine ganz andere Bedeutung gehabt. Bestanden hat er die Prüfung am 15. Juli 1975 in Lüdenscheid, sogar deutlich vor seinem 18. Geburtstag. „Und da gab es ganz andere Möglichkeiten für das Anfahren am Berg.“ Mit seinem Führerschein darf er sogar Laster bis 7,5 Tonnen fahren, und später hat er noch seinen Taxi-Schein gemacht und sich während des Studiums mit Taxi-Fahren etwas dazu verdient.

Auch Silke Fennemann, Geschäftsführerin der Oldenburg Tourismus (OTM), hängt an diesem Dokument, das die 53-Jährige in einer Brieftasche aufbewahrt, damit es nicht geknickt wird. Die Führerscheinprüfung legte sie in Hamm (Nordrhein-Westfalen) ab und hatte vorher schon mit ihrem Vater geübt. Den Führerschein empfand sie als Ticket in die Freiheit. „Ich bin immer gern Auto gefahren und war auch nach der Prüfung ganz stolz“, erinnert sie sich. Sonnabends durfte sie anschließend dann mit dem Auto ihres Vaters sogar zur Schule fahren.

Amtsgerichtsdirektor Jürgen Possehl (64) machte seine Prüfung auch vor seinem 18. Geburtstag und bereits nach sieben Fahrstunden. „Ich hatte vorher auf dem Verkehrsübungsplatz schon die eine oder andere Runde gedreht“, erzählt er. Nach der Prüfung kurvte er mit einer „Ente“ (2CV) durch die Gegend. Aber nur ein halbes Jahr, dann gab es einen VW-Käfer mit mehr PS.

Auch Inge von Danckelman aus dem Vorstand des Horst-Janssen-Fördervereins kann sich von ihrem grauen, ungültig gestempelten Führerschein nicht trennen. „Aber diese Brille von damals geht doch gar nicht“, sagt die ehemalige Personalchefin der Stadt, wenn sie auf das Foto schaut. Die gebürtige Ostfriesin hat ihre Prüfung erst am 10. Januar 1980 gemacht. Da war sie bereits 25 Jahre alt. „Das hatte ja eine große Bedeutung, denn es war ein Schritt in die Eigenständigkeit“, meint sie, „ich habe dann gleich eine Riesentour nach Süddeutschland gemacht und fühlte mich wie im Film „Easy Rider“. Da der graue Schein ein Stück Erinnerung sei, könne sie den nicht einfach wegwerfen, zumal der Prüfer ihn ihr damals mit den Worten überreichte: „Sie bekommen den Führerschein durch einen Kuss.“ Der Mann hieß Kuß.


Polizeichef Eckhard Wache hat gleich zwei „Graue“ zur Auswahl: Die eine Prüfung absolvierte er schon vor seinem 18. Geburtstag in Osnabrück, und dann musste er alles ein zweites Mal machen, als er 1981 bei der Polizei anfing. „Das war gar nicht so einfach“, erinnert er sich, „schließlich war ich da schon ein paar Jahre Auto gefahren und da schleichen sich ja so Sachen ein.“ Die erste Prüfung hatte er sogar schon drei Wochen vor seinem 18. Geburtstag abgelegt auf einem unkomplizierten Golf 1, da er sich schon im Alter von 17 Jahren angemeldet hatte. Er habe viel durch Osnabrücks enge Altstadtstraßen fahren müssen, und es sei schon zur Fahrschule zurückgegangen, als der Prüfer plötzlich sagte: „Sie haben ja noch gar nicht rückwärts eingeparkt.“ Da fuhr Wache noch einmal der Schreck in die Glieder, denn das, so erinnert er sich, habe damals manchmal nicht so gut geklappt. Aber der erlösende Satz des Prüfers: „ich gehe mal davon aus, dass Sie das können“, brachte dann doch die Unterschrift unter den begehrten Schein.

Auch die Führerscheine seines Großvaters und Vaters bewahrt Wache noch auf. „Das sind doch schöne Erinnerungen“, sagt er.

So betrachtet auch Ursel Schultheiß ihren Führerschein – als Erinnerung an eine schöne Zeit. Sie ist seit zehn Jahren ehrenamtliche Buchhalterin des Vereins „Hilfe für Sierra Leone“ und hat ihren grauen Lappen auf Scheckkartenformat geknickt, damit er auch ins Portemonnaie passt. Sie wohnte damals in Hude und hat die  Prüfung in Delmenhorst gemacht. Aber den Führerschein wegzugeben, das kommt für sie nicht infrage. „Da hängen doch wirklich zu viele Erinnerungen dran.“

Und so verbindet jeder andere Erlebnisse mit seinem alten Führerschein und den ersten Touren damit, ganz gleich ob sie nach Mansholt oder nach München führten. Es war ein Stück Freiheit und das graue Ticket in das bunte Erwachsenenleben.