Rodenkirchen - Andrea Thaden fühlt sich voll bestätigt: Es war richtig, die 3. Wesermarsch-Messe am Wahl-Sonntag stattfinden zu lassen, resümiert die Rodenkircherin zur Mittagszeit. An den 27 Ständen in der Markthalle herrscht Hochbetrieb, sie selbst hat gerade ihre dritte Kundin auf einer Liege mit Bowtech behandelt.
Die Wesermarsch-Messe findet seit 2014 in jedem Herbst in der Markthalle Rodenkirchen statt. Naturheilkundler aus der Wesermarsch, von der anderen Weserseite, aus Stadt und Kreis Oldenburg sowie aus Friesland und Ostfriesland stellen sich vor.
Die Muskeln entspannen
Andrea Thaden, die die Messe organisiert hat, bietet mit der Blexerin Petra von Münster an einem gemeinsamen Stand Bowtech an. Leichte Hautverschiebungen sollen Muskeln und Bindegewebe entspannen. Spezielle Griffe sollen den Körper über das vegetative Nervensystem zur Selbstheilung anregen. „Die meisten meiner Kunden haben Rücken“, sagt Andrea Thaden. Aber auch bei Nacken- und Schulterbeschwerden helfe Bowtech, und bei Kindern mit ADHS wende sie diese Technik auch an.
Vor der Behandlung steht in der Regel die Diagnose. Der Oldenburger Heilpraktiker Ralf Meyer bietet digitale Irisdiagnostik an. Irisdiagnostik, sagt er, gibt es schon seit Jahrhunderten. „Sie zeigt: Was bringt der Mensch mit? Was ist ihm angeboren? Hat er eine Disposition zu bestimmten Krankheiten?“, erläutert der 47-Jährige, der dann auf der Grundlage seiner Untersuchung einen Therapieplan aufstellt. Die Beschwerden seiner Kunden reichen von Verdauungsproblemen bis zu Angststörungen. Bei manchen seiner Kunden weiß der Arzt nicht mehr weiter, andere, sagt Meyer, seien einfach neugierig und wollten wissen, zu welchen Krankheiten sie neigen und was sie dagegen tun können.
Bei Kirstin Friedrich-Hennicke kommt das Salz in der Suppe schon seit zehn Jahren aus dem Himalaya. Es wird in Pakistan abgebaut, in den südwestlichen Ausläufern des höchsten Gebirges der Welt. Ursalz nennt die Präventologin aus Stollhamm dieses Erzeugnis, denn sie verkauft es gänzlich ohne chemische Zusätze, wie handelsübliche Salze sie enthalten, damit sie nicht verklumpen. Deshalb kommt es auch mit Reiskörnern in die Dose – „wie früher“. Nach ihren Worten ist es nicht nur gesünder, sondern schmeckt auch würziger als andere Salze. „Ich koche nur noch damit“, sagt Kirstin Friedrich-Hennicke.
Ein wenig „wie früher“ sieht es auch gleich nebenan bei Thorsten Lücke aus, denn er macht von seinen Kunden Bilder mit einer großen Kamera auf einem dreibeinigen Stativ. Es sind Aura-Bilder. Sie sollen die Ausstrahlung eines Menschen darstellen, indem der Fotograf die Hautspannung an den Fingerkuppen misst und sie als Farben auf den Bildern darstellt. Aus diesen Farben wiederum zieht er auf der Grundlage von Goethes Farbenlehre Rückschlüsse auf Lebensthema und -tempo seiner Kunden – Ausgangspunkt einer etwa 20-minütigen Beratung.
„Eine wissenschaftliche Grundlage gibt es dafür nicht“, räumt der Auricher unumwunden ein. „Aber in Indien und China glauben alle, dass jeder Mensch eine Aura hat – und im Grunde wissen wir es doch auch.“
Toter Opa meldet sich
Auch Edith Ghafoor aus Sande kann für ihre Arbeit keine wissenschaftliche Grundlage bieten: Sie behauptet von sich, Kontakte ins Jenseits zu unterhalten. Der kleine Clubraum, in dem sie einen Vortrag darüber hält, kann ihre rund 60 Zuhörer kaum fassen. Niemand lacht, als sie sagt, dass das Hausgeist Johann ihr gerade ostfriesisches Platt beibringe, keiner wirft ihr vor, Hokuspokus zu treiben. Sie ist klein, korpulent und quirlig, mit ihrer Schlagfertigkeit versteht sie es mühelos, den Raum zu rocken.
Ein verstorbener Vater lässt seiner angegrauten Tochter ausrichten, er bitte um Entschuldigung für etwas, das er ihr im Grundschulalter angetan habe, ein toter Opa übermittelt seiner zweifelnden Enkelin ein klares „Weiter so“. Überhaupt haben die Verstorbenen eine klare Botschaft an ihre Nachkommen, wenn man Edith Ghafoor glauben will: Höre auf deine innere Stimme, lasse dich nicht von deinem Weg abbringen, genieße deine Zeit und verschwende sie nicht. Nichts also, das nicht auch ein Lebender wüsste.
Welcher Tote aber zu welchem Lebenden spricht, weiß Edith Ghafoor meistens nicht. „Melde dich einfach“, muntert sie eine schüchterne Zuhörerin auf. „Ich bin doch keine Hellseherin.“
