Oldenburg - Grit hat es gut. Sie ist Hausfrau, am Abend mit ihrer Freundin zum Theaterbesuch verabredet und freut sich riesig auf ein paar unbeschwerte Stunden. Auch Bernd, ihren Gatten, weiß sie gut versorgt. Er ist mit zwei Freunden auswärts zum Skatabend verabredet, . . .
. . . dachte sie jedenfalls bis zum Anruf ihres Mannes, der seine Freunde nun überraschend zu sich eingeladen hat. Was nun? Rat holt sich die Dame des Hauses im „Brevier vom schön gedeckten Tisch“, herausgegeben in der 60er Jahren von der Württembergischen Metallwarenfabrik. Vor dem Reißwolf hat Oldenburgs „Wohnexpertin“ Katharina Semling das Büchlein bewahrt. Sie hatte von einer Hausentrümpelung im Johannisviertel erfahren und ein paar Sachen aus dem Haushalt gerettet. Beim Durchblättern des Ratgebers musste sie schmunzeln. „Kaum vorstellbar, dass das Leben der Frauen sich damals offenbar ausschließlich um das Wohlergehen der Familie drehte“, meint sie.
Und tatsächlich: Das Buch gewährt tiefe Einblicke in das Rollenverständnis in der damaligen Zeit. Schon im Vorwort des Buches wussten die Hausfrauen, welche Rolle ihnen zugedacht war. Es wurde den Damen vorgerechnet, dass sie eintausendeinhundert Mal im Jahr für ihre Lieben den Tisch decken. „Hier liegt also eine Ihrer wichtigsten Aufgaben“, heißt es. Und weiter: „Es geht ja nicht nur darum, ein paar Teller und einige Bestecke auf den Tisch zu tun. Es geht um Wohlbefinden, Stimmung und Gesundheit Ihrer Familie.“
Derart detailliert auf das Eheleben vorbereitet, fällt es Grit auch nicht schwer, praktisch aus dem Nichts etwas zu arrangieren. „Als Hausfrau sind sie überdies oft Gastgeberin“, erinnert die Autorin Gisa Barsewisch die Damenwelt in ihrem Vorwort an die Rolle, die ihnen nach dem damaligen gesellschaftlichen Verständnis zustand. Denn: „Das Tischdecken ist einfach. Sie legt bunte Leinensets auf und deckt Holzbrettchen, Bestecke, Bier- und Schnapsgläser. Auf jedes Holzbrettchen legt sie einen halben Camembert, ein Stückchen Roquefort und eine Tomate. Außerdem hat sie noch Tilsiter, Emmentaler und Edamer Käse mitgebracht. Das alles kommt auf ein großes Käsebrett mit Messer oder unter eine Käseglocke. Das Brotkörbchen füllt sie mit Kümmelstangen und Laugenbrezeln. Etwas Bauernbrot und Pumpernickel kommen auf ein anderes Holzbrett. Dazu stellt sie Butter, ein Schälchen gefüllte Oliven, eine Platte mit sauren Gurken, Tomaten-Ketchup, Kümmel, Salz, Pfeffer, Paprika und fein geschnittene Zwiebeln unter einer kleinen Glasglocke. Geschafft! Grit kann sich beruhigt zum Theaterbesuch umziehen. Die Skatrunde ist gut versorgt.“ Ein Kapitel beschäftigt sich aber auch damit, wenn ein Junggeselle einlädt.
Auch die Nordwest-Zeitung verkaufte damals unter dem Titel „Brevier der Gastlichkeit“ ein Buch mit Sammelbildchen mit Tipps und Rezepten – allerdings nicht nur für die Hausfrau. Beispielsweise ist beschrieben, wie ein „zwangloses Beisammensein gleich nach dem Dienst“ erfolgreich gestaltet werden kann.
