Ramsloh - Wie so viele gute Geschichten im Saterland beginnt die des Kabelspezialisten Waskönig + Walter dort in einer Gaststätte. Genauer im umfunktionierten Tanzsaal der Gaststätte Rosenbaum in Ramsloh. Es ist eine Geschichte, in der es um opulente Damenhüte und moderne Hochspannungskabel geht. Zu der die Familientradition genauso gehört wie das Credo, mit der Zeit zu gehen. Und eine Geschichte, die ihren Ursprung nicht im Saterland, sondern im Bergischen Land nimmt.
Die ersten Schritte im Bergischen Land
Dort wagte vor fast genau 150 Jahren der Textilmeister Johann Peter Waskönig den Schritt in die Selbstständigkeit. Damals wurde das Tal der Wupper von einem Gründergeist erfüllt, der auch Waskönig erfasste. „Chancen zu ergreifen, prägt unsere Geschichte“, sagt Jörg Waskönig, der heute die Geschäfte führt. Sein Ur-Ur-Großvater nahm damals sein Erspartes und gründete im Juni 1873 in Elberfeld einen kleinen Handwerksbetrieb, in dem er und seine beiden Mitarbeiter auf Spul- und Spinnmaschinen dünne Eisendrähte mit Textilfäden umwickelten. Die Arbeit war körperlich anstrengend, da die Schwungräder der Maschinen noch mit Muskelkraft angetrieben wurden. Die Produkte aber waren filigran: Die umsponnenen Drähte stabilisierten die ausgefallenen Damenhüte, die, mit Blumen und Federn verziert, damals schwer in Mode waren. Auch in Blumengebinden kamen Waskönigs Drähte zum Einsatz. Anfänglich vertrieb er die Produkte noch selbst, später dann über Großhändler. Das Geschäft lief so gut an, dass sich die Zahl der Mitarbeiter schon in kurzer Zeit mehr als verzehnfachte. Bald reichte der Platz nicht mehr aus, sodass noch vor der Jahrhundertwende die erste Expansion anstand. Kurz danach stieg der erstgeborene Sohn Peter Waskönig in den väterlichen Betrieb ein. Der ausgebildete Bankkaufmann modernisierte das Unternehmen, knüpfte Kontakte und stellte Kaufleute ein.
Einblick in die Unternehmensgeschichte: Die undatierte Aufnahme zeigt die Verseilung.
Waskönig+Walter
Das Unternehmen wächst: Aus dem „Einmannbüro“ wird eine kaufmännische Abteilung. Diese Aufnahme gibt einen Einblick in den Büroalltag um 1910.
Waskönig+Walter
Neue Produktionsverfahren und Materialien halten Einzug ins Unternehmen: Die Aufnahme aus dem Jahr 1958 zeigt die Gummiaderfertigung mit Dreifachspritzkopf.
Waskönig+Walter„Zwei Schritte nach vorn, einer zurück, wieder zwei nach vorn“
„Es war ein ständiger Prozess des Weiterentwickelns“, sagt der heutige Unternehmenschef, der in einem Besprechungszimmer auf eine Ahnengalerie blickt. Dort sind neben einem Stammbaum auch vier Generationen des Familienunternehmens in Öl verewigt. „Man kann aber nicht sagen, dass es immer nur nach vorne ging. Man hat sich auch von Dingen, die nicht liefen, getrennt“, fügt er hinzu. „Ich sage immer, das ist wie die Echternacher Springprozession: Man springt zwei Schritte nach vorn, einen zurück, dann wieder zwei nach vorn. Einen Schritt kommt man voran, aber nicht immer geradlinig.“
Der Einstieg in die Elektrobranche
So war es auch, als der Filzhut die opulenten Hutgestelle verdrängte. Auf die sinkende Nachfrage nach Blumen- und Hutdrähten reagierte der Betrieb, indem er um 1918 auf Dynamodrähte umsattelte. Das markierte den Einstieg in die Elektrobranche. Über die Generationen hinweg kamen auch neue Produkte oder Materialien wie Gummi und Kunststoff in das Unternehmen. In den 60er-Jahren war es so stark gewachsen, dass das Tal der Wupper zu eng wurde: Um Kunststoffkabel effizient herstellen zu können, braucht es lange Hallen, in denen diese abkühlen können. Das wurde in dem bergigen Gebiet immer schwieriger. „Irgendwann wurden die Fundamente für die Maschinen teurer als die Maschinen selbst“, sagt Jörg Waskönig. Dessen Großvater und Vater suchten nach einem neuen Standort mit ausreichend Fläche und Arbeitskräften. Beides hatte das Saterland zu bieten.
Umzug in den hohen Norden
Blick ins Werk für konfektionierte Leitungen: Diese Aufnahme entstand zwischen 1964 und 1966. Das Gebäude gibt es in Ramsloh noch heute.
Waskönig+Walter
Peter Waskönig legt 1969 den Grundstein für den Aufbau des Werks in Ramsloh.
Waskönig+Walter
Prägt das Ortsbild in Ramsloh bis heute: Das Verwaltungsgebäude von Waskönig + Walter. Die Aufnahme zeigt das Richtfest im Jahr 1978.
Waskönig+Walter
Das Unternehmen ist seit 150 Jahren in Familienhänden. 1991 übergab Peter Waskönig den Stab an seine beiden Söhne Michael (links) und Jörg (rechts).
Waskönig+WalterDavon erfuhr der damalige Juniorchef Peter Waskönig durch einen Besuch des Gemeindedirektors von Ramsloh. Dieser warb aktiv um Industrieunternehmen. Waskönig ließ es auf einen Versuch ankommen und funktionierte den örtlichen Tanzsaal um. Dort schraubten Arbeiterinnen in den 60er-Jahren Stecker an Kabel, die in Geräten wie Toastern oder Bügeleisen zu finden waren. Das Geschäft mit den konfektionierten Leitungen lief so gut an, dass bald der Grundstein für ein neues Werk gelegt wurde. 1971 verlegte das Unternehmen dann sogar seinen Firmensitz nach Ramsloh. „Man kannte die Gegend schon und den Menschenschlag: Verlässlich, arbeitsam“, sagt Jörg Waskönig. Die kleine Gemeinde hatte damit nicht nur einen mittelständischen Industriebetrieb gewonnen, sondern mit einem Schlag auch viele neue Einwohner, denn: Viele leitende Angestellte und Meister zogen mit ihren Familien ebenfalls in den Nordwesten.
Die fünfte Generation
Dort gab Peter Waskönig den Stab im Jahr 1991 an seine Söhne Jörg und Michael weiter. Im selben Jahr wurde die Produktionsfläche mehr als verdoppelt. Im neuen Jahrtausend kamen dann Mittelspannungsadern und ein Werk für Hochspannungskabel dazu. „Hatten wir 1991 noch 40.000 Tonnen produziert und damit 120 Millionen D-Mark umgesetzt, so machen wir jetzt 140.000 Tonnen im Jahr und haben das letzte Jahr mit 640 Millionen Euro Umsatz abgeschlossen“, sagt Waskönig. Etwa 570 Menschen beschäftigt das mittelständische Industrieunternehmen heute. Wo die Reise noch hingehe, sei aus heutiger Sicht schwer zu sagen. „Aber wir sind richtig positioniert. Energieleitungen und Kabel sind ein essenzieller Baustein für die Energiewende.“ Und dann fügt er mit norddeutschem Understatement hinzu: „Wir sind zuversichtlich, dass auch die nächste Generation zu tun hat.“
1873 Der Textilmeister Johann Peter Waskönig macht sich am 30. Juni selbstständig. Mit zwei Mitarbeitern stellt er in Elberfeld (heute ein Bezirk der Stadt Wuppertal) Drähte für Hüte und Blumengebinde her.
1898 Das Geschäft läuft gut an, die Zahl der Mitarbeiter ist von zwei auf bis zu 30 gestiegen. Für die Produktion benötigt Waskönig mehr Platz, weshalb der Betrieb innerhalb von Elberfeld umzieht. Kurz nach der ersten Expansion steigt der erstgeborene Sohn des Firmengründers, Peter Waskönig, in das Unternehmen ein.
1918 Der Filzhut verdrängt die opulenten Hutgestelle. Auf die sinkende Nachfrage nach Hut- und Blumendrähten reagiert das Unternehmen, indem es auf Dynamodrähte setzt. Das markiert den Einstieg in die Elektrobranche.
1935/37 Der Firmenname Waskönig + Walter entsteht. Peter Waskönig macht seinen Sohn Eugen Waskönig und den erfahrenen Prokuristen Friedrich Walter zu gleichberechtigten Partnern.
1955 Mit Peter Waskönig steigt die vierte Generation ein. Drei Jahre später übernimmt das Familienunternehmen die Firma Adler-Kabel in Berlin.
1963 Der Gemeindedirektor von Ramsloh sucht nach Investoren für die Gemeinde im Landkreis Cloppenburg. Diese Mission führt ihn auch zu Waskönig + Walter, wo er das Interesse des Juniorchefs weckt. Dieser startet einen Test: Im umfunktionierten Tanzsaal der Gaststätte Rosenbaum werden Leitungen für Geräte wie Toaster und Bügeleisen mit Steckern versehen.
1964 Das Geschäft mit den konfektionierten Leitungen läuft in Ramsloh so gut an, dass dort ein Konfektionswerk gebaut und 1965 bezogen wird. Kurz darauf gibt es Pläne für eine neue Werkhalle, die 200 Meter lang und 100 Meter breit werden soll.
1971 Auch der Firmensitz zieht nun von Wuppertal nach Ramsloh um, wo es Arbeitskräfte und ausreichend Land gibt.
1991 Peter Waskönig übergibt den Stab an seine Söhne Jörg und Michael Waskönig. Im gleichen Jahr wird die Produktionshalle von 20.000 auf 48.000 Quadratmeter erweitert.
2002 Eine neue Produktionsstätte für Mittelspannungsadern wird in Betrieb genommen.
2007 Ein Brand zerstört das gesamte Lager und den Logistikbereich. Beim Wiederaufbau entsteht ein neues Logistikzentrum mit einem Hochregallager.
2009 Das Hochspannungskabelwerk wird gebaut und eine eigene Tochterfirma für die Sparte gegründet.
2020 Michael Waskönig zieht sich aus der Geschäftsführung zurück. Aus dem Trio mit seinem Bruder Jörg Waskönig und mit Stefan Nestler wird ein Duo. Die nächste und sechste Generation steht aber bereits in den Startlöchern.
