WECHLOY - Die Begrüßung ist herzlich: Dr. Helmuth Steenken und Enkel Lukas Halfmann nehmen sich an der Haustür in den Arm. Die beiden verbindet mehr als eine verwandtschaftliche Beziehung. Eine Freundschaft ist im Lauf der Jahre erwachsen, die ihren Ursprung auch durch die regelmäßigen Besuche von Lukas zum Mähen des Rasens auf dem Grundstück am Tegelbusch hat.

1957 hat Steenken das Haus gemeinsam mit seiner Frau Sybille gebaut. Vorbild waren Häuser des amerikanischen Architekten Richard Neutra. Eine Tochter und zwei Söhne sind in dem Haus aufgewachsen. „Und immer beherbergten wir junge Menschen aus aller Welt, meist für mehrere Monate“, erinnert sich Steenken. Das Haus wurde ständig erweitert. Steenken: „Zigarrenkiste an Zigarrenkiste.“

Der Großvater des 17-Jährigen pflegt zudem ein besonderes Steckenpferd. Der pensionierte Augenarzt hat sich der Pflege der Kultur der Ureinwohner Borneos und Melanesiens verschrieben.

Der Dachboden über dem ehemaligen Pferdestall und das gesamte Haus von Steenken gleicht denn auch einem Südsee-Museum. Schmuckstück ist ein in einem Stück aus einem Baum herausgehauenes Totenschiff, in dem die Seelen von zwei Verstorbenen ins Jenseits begleitet werden. Hergestellt hat das Schiff ein Einheimischer Neuirlands. Ben Sissia ist sein Name. Den Kontakt zu ihm hat Günther Marx, Nachfahre des ersten Missionars auf der Insel, hergestellt. Steenken und Marx lernten sich über die Barmer Missionsgesellschaft kennen. „Sonst hätte Ben niemals das Boot für mich bearbeitet“, ist der 79-Jährige dankbar. Ursprünglich habe der Mann zum Arbeiten sogar nach Oldenburg kommen wollen, doch ein Todesfall in dessen Verwandtschaft habe diesen Plan zunichte gemacht.

Steenken schaltet unterdessen den Rekorder neben dem Schiff an, und aus einem Lautsprecher ertönt der Sterbegesang der Einheimischen – aufgenommen auf einer von Steenkens zahlreichen Reisen in die Region.

Das Modell eines Pfahlhauses befindet sich neben dem Schiff. Ein darauf stehender sogenannter Hampatong soll die Seele einer sterbenden Frau aus dem Urwald zurück locken. Steenken: „Nur dann gibt es Hoffnung auf Heilung, glauben die Einheimischen.“

Beim weiteren Rundgang durch sein Haus entlang großer Fensterfronten, die einen freizügigen Blick in die Wechloyer Landschaft erlauben, zeigt er einen Teil seiner 230 Masken aus der Südsee, die darin verteilt sind. Pfeile und Werkzeuge (teilweise 10 000 Jahre alt) gehören zu den Exponaten. „In der Südsee würde alles verloren gehen“, merkt er an.

Die Reisen des pensionierten Arztes führten auch nach Borneo. „Eine Insel, auf der die üblichen Kommunikationswege nicht funktionieren“, erzählt er. Botschaften werden oftmals per Video übermittelt.

Und da schließt sich der Kreis zu seinem Enkel Lukas. Der 17-Jährige ist seit vielen Jahren begeisterter Hobbyfilmer und hat so manchen Nachwuchspreis gewonnen. Der Schüler des Alten Gymnasiums hat die technische Arbeit für die ethnologischen Filme geleistet, die sein Großvater gedreht hat. Einmal hat ihm der 79-Jährige per Video eine mit einer längeren Filmsequenz unterlegte Anfrage zugeleitet. Der Großvater wollte unter anderem wissen, ob Moskitos senkrecht starten können. Lukas recherchierte, fand aber nichts heraus. Die Videoantwort schickte der 17-Jährige zurück nach Borneo. Mit diesem Dialog beteiligten sich die beiden am Wettbewerb „Video der Generationen – Sonderthema Videobriefe“. „Mehr als 1000 Beiträge gingen ein, wir belegten den dritten Platz“, sind Enkel und Großvater ein wenig stolz.

Eine von vielen Episoden aus dem Leben von Helmuth Steenken. In einem anderen Raum hängt die Vergrößerung eines Bildes, das nach dem Boxer-Aufstand in China entstand. Doch das ist eine andere Geschichte . . .