Kreyenbrück - Nein, so ganz spurlos ging diese letzte Woche im Januar 2016 nun wirklich nicht an Hergen Engelmann und seiner Frau Annemarie vorüber. Nach 111 Jahren Firmengeschichte, die ausnahmslos auch Familienhistorie war, schlossen sie das Kapitel „Holzwerkstätten“ für sich ab. Zumindest offiziell.
Es waren schon seltsame Momente, die Hergen da durchleben musste. „Tischler Ausverkauf Maschinen Werkzeuge“ stand über einer Kleinanzeige, die die Engelmanns kurz vorm letzten Durchfegen der 1000 Quadratmeter großen Werkhalle geschaltet hatten. Und dann kamen sie: einstige Konkurrenten, Hobbybastler, Wiederverkäufer. Bauten zwischen Cloppenburger und Schützenhofstraße die riesigen Sägen auseinander, packten sich die Schleifmaschinen auf ihre Anhänger, steckten sich Hobel, Zwingen und Drechselschaber ein. Engelmann blickte da zumeist nur aufs Werkzeug, kaum in die Augen der Käufer, rief seine Wunschpreise scheinbar widerwillig, aber nicht minder wohlwollend auf. Während sich bei manchem Käufer eine Mischung aus Glück und schlechtem Gewissen einstellte, überwog bei Engelmanns ein ganz kurioses Gefühl. Berührend, befreiend, belastend – was es war, kann und mag Hergen jetzt nicht mehr verbalisieren. Er muss es aber auch nicht mehr. „Augen zu und weg damit“, sagt er, sei da das beste Rezept gewesen. „Mama, jetzt guck Dir das nicht auch noch an!“, hatte auch Tochter Sylvia beim Ausverkauf die da doch sehr emotionale Annemarie angewiesen. „Da kamen halt schon einige Erinnerungen hoch“, sagt sie heute, knapp einen Monat später.
Erinnerungen beispielsweise an die dreistellige Zahl an Lehrlingen, die Tischler-Obermeister Hergen, aber auch Vater Wilhelm Berthold und dessen Vater Ludwig Karl Heinrich einst in Kreyenbrück ausgebildet hatten. Erinnerungen aber auch an die vielen kleinen und großen gestalterischen Momente, als man skurrile Preise für die „kleinste Rezeption Deutschlands“ oder die „schönste Praxis des Jahres“ gewann, sich dazu Referenzen wie die Dombibliothek Hildesheim, das Klinikum Oldenburg oder Nordsee-Filialen in ganz Deutschland in die Firmenvita eintragen konnte.
Viel ist Hergen gereist, hat sich vor allem mit Bau und Ausgestaltung von Arztpraxen bundesweit, insbesondere nach der Wende in Ostdeutschland, einen Namen und durchaus gutes Geld gemacht. „Alles aus einer Hand“, sagt er, „manchmal bis zu 35 Praxen in nur einem Jahr!“ „Genau, und dann bist Du doch auch drei Mal in einer Nacht bis nach Köln und wieder zurück gefahren, um einen Auftrag zu vollenden!“, wirft Annemarie ein.
Und dann ist es wieder still. Knisterndes Pergamentpapier, das Jahrzehnte alte Fotografien von längst vergessenen Mitarbeitern und Arbeiten in schweren Ledermappen schützt, wird umgeklappt. Den nächsten Seufzer, einer von vielen bei diesem Wandel durch die Firmengeschichte, hört der Beobachter nicht. Aber er spürt ihn: „Dabei wollte ich ja eigentlich nie Tischler werden“, wird Hergen wenig später zu Protokoll geben. Erst Abitur, mit 20 dann eine Tischlerlehre („aber nur, um nicht zur Bundeswehr zu müssen!“), schließlich das Architekturstudium und zwei Jahrzehnte dann gedankliche und andere Wolkenkratzer bauen: so sah die erste Lebenshälfte aus. Mit 41 aber stellte ihn sein Vater vor die so lang gefürchtete Familientraditionsfrage. Nun, Hergen willigte ein und übernahm den Tischlereibetrieb. In höchst schwierigen Zeiten, wie er sich heute erinnert. „Ich musste gleich drei Mitarbeiter entlassen, weil es keine Arbeit gab“, sagt er.
Hergen führte den Betrieb noch parallel zur Architektur. Um „Engelmanns“ am Laufen zu halten, wurden schließlich „sogar wieder Kellertüren gemacht“. Zwischendurch reparierte er bei seiner Frau (sie war Friseurmeisterin in Krusenbusch) die Hauben und berechnete nachts Statiken. Alles Geschichte. Wie so vieles.
Dann aber folgte ein regelrechter Boom. Das Geschäft zog an, die Aufträge kamen. Engelmann Junior gab das Architektendasein auf, widmete sich schließlich voll und ganz der Tischlerei, expandierte, und wurde zum Obermeister. Vater beendete sein tischlerisches Engagement indes mit immerhin 86 Lenzen.
Die nächste Generation stand längst bereit. Mitte der 90er übernahmen Tochter Sylvia und Schwiegersohn Matthias Thoben dann das Engelmann’sche Segment „Messe und Design“, Hergen hatte mit den Holzwerkstätten ja schon mehr als genug zu tun.
Vor eineinhalb Jahren fiel dann die Entscheidung, den Betrieb aufzugeben, die Tischlerei, all das. Kein leichter Schritt, aber wohl ein folgerichtiger. „Das Finanzamt“ und auch die Marktlage hätten den Ausschlag zum Ausstieg aus der schier endlos langen Firmenhistorie gegeben.
Jede Menge Zeit haben sie jetzt für ihre Kinder Sylvia und Denis und die drei Enkel aber noch immer nicht. „Die Werkstatt ist verkauft, aber wir wollen nicht alles komplett abbrechen“, sagt Hergen, „für unsere alten Kunden sind wir noch etwas da“. Ein halbes Jahr lang. Maximal.
Ein Bruchteil, verglichen mit der schier endlos langen Firmenhistorie der Engelmanns. Die Quittung aus dem Jahr 1905 über ein Darlehen für den Aufbau einer Tischlerei deutet auf 111 Jahre bewegte Jahre hin.
Und auch ein paar alte Fundstücke, die beim Ausverkauf und Durchfegen der Tischlerei zu Tage kamen: Der Nuthobel des Großvaters wie Gründers Ludwig Karl Heinrich Engelmann wird schon bald in einer schmucken Vitrine liegen. Und die baut Hergen natürlich selbst – in seinem vier mal vier Meter großen Werkkeller. Das sei zwar eine enorme Umstellung, sagt er, aber allemal besser, als stattdessen „oben im Haus künftig den Abwasch zu machen...“
