Wehrder - Wie in den meisten Berufen mussten die Tätigkeiten in der Landwirtschaft wie das Melken in früheren Zeiten von Hand gemacht werden. Arbeitsschritte erforderten viel Zeit und viele Hände – der Einzug der Maschinen änderte das. Ich komme zwar selbst aus (Ammer-)ländlicher Gegend – mit Bauernhöfen bin ich bisher aber nur als Kind in den Schulferien in Berührung gekommen. Zeit, sich mal auf den neuesten Stand zu bringen.

Statt ab 10 Uhr vormittags am Schreibtisch zu sitzen, schau ich für diesen Besuch schon in der Früh Milchbauer Frerk Hespe (40) auf seinem Hof in Wehrder über die Schulter. Bei trübem Wetter kommt auf meinem Anfahrtsweg im Autoradio vom Moderator schon der passende Spruch: „Heute ist das Wetter wie Kuhflecken: Es gibt helle und dunkle Stellen.“

Der Hespe-Hof liegt auf einem Hügel am Deich. Nördlich fließt die Hunte in die Weser, man ist dreiseitig umwässert. Angekommen, bin ich sofort von vielen Huftieren umstellt. „Kühe sind sehr neugierig“, sagt der Landwirt. Als mir eine Kuh so nah kommt, dass ich sogar ihren Atem am Arm spüre, möchte ich am liebsten sagen: „Bitte eine Armlänge Abstand.“

Die Arbeit auf dem Hof beginnt um 5 Uhr. Dann müssen die Wiederkäuer gefüttert und ihre „Betten“ im Stall entmistet werden. Das Kraftfutter besteht aus Mais, Getreide und Raps. Die Kühe liegen auf einer weichen Gummi-Unterlage. Währenddessen begeben sich die ersten schon in die „Wartehalle“, ehe es weiter zum Melken geht. Gegen 15:45 Uhr wird ein zweites Mal gemolken werden. „Optimal sind zwölf Stunden Abstand“, erklärt Landwirt Hespe. Der ganze Vorgang dauert zweieinhalb Stunden.

Dazu gehen die Tiere nacheinander auf das Melkkarussell. Eine Lichtschranke steuert, dass immer nur dann eine neue Kuh nachrückt, wenn eine gemolkene den Stand verlässt. Die Maschinen melken je nach Milchfluss individuell. Der Melker legt das Tempo fest und kann im Bedarfsfall das Karussell auch anhalten. Es sieht alles sehr routiniert aus, denn die Tiere kennen das Prozedere.


An jedem Melkplatz wird gemessen, wie viel Milch eine Kuh pro Minute gibt. Diese Daten des Melkvorgangs und noch andere Werte speichert ein Computer. 220 Kühe werden täglich um etwa 25 bis 30 Liter Milch erleichtert. Das macht eine Gesamtmenge von 6500 Litern pro Tag. Das Drehen des Karussells fällt mir bis zu dem Moment kaum auf, als mir Hespe berichtet, dass schon mal ein Praktikant deswegen umgekippt sei. Schon wird mir etwas mulmig.

Später gucken wir uns die Daten am Computer an. Am Bildschirm sieht man dann zum Beispiel, ob jede einzelne Kuh genug gefressen hat – wenn nicht, könnte ein Stoffwechselproblem schuld sein – oder ob sich jedes Tier ausreichend bewegt. Bei überdurchschnittlich viel Bewegung ist die Kuh wahrscheinlich paarungsbereit, was etwa alle 21 Tage vorkommt.

Beim gemeinsamen Frühstück lerne ich nicht nur Hespes Frau Natascha (40) kennen, sondern auch Mitarbeiter Dieter Laabs und den Auszubildenden Eike Suhr (19). Laabs ist seit 20 Jahren auf dem Hof angestellt. „Dieter hat seinen Schwerpunkt bei den Schleppern. Er kann aber eigentlich alles“, ist sich Frerk Hespe sicher. „Ich möchte abends sehen, dass ich was geschafft habe“, sagt „Alleskönner“ Laabs. Er begann als 17-Jähriger den beruflichen Alltag als landwirtschaftlicher Angestellter und hat den Wandel in der Branche mit dem Einzug des Computers vor knapp 30 Jahren hautnah miterlebt.

Am 20. Juni 1998 wechselte Laabs auf den 140-Hektar-Hof in Wehrder – damals noch zu Wilhelm Hespe (71) – den der Senior 2005 an Sohn Frerk übergab. Die Hofarbeit liegt bei Familie Laabs wohl im Blut. Schon die Eltern waren in Motzen in der Landwirtschaft tätig. Der 54-Jährige selbst lebt heute noch dort. Laabs gehört praktisch zur Familie Hespe, die den Betrieb im 19. Jahrhundert gekauft hat.

Wer im Familienbetrieb von früh bis spät mit anpackt, hält zur mittleren Tageszeit eine Stunde Mittagsschlaf. Allerdings nicht im Heu. „Dafür gibt es einen Aufenthaltsraum mit Bett“, beschreibt Milchbauer Hespe schmunzelnd die Arbeitsbedingungen auf seinem Hof. Nur in der Erntezeit muss durchgearbeitet werden.

Anschließend müssen Trockenkühe kurz vor Elsflether Sand geholt werden. Dafür geht es mit dem Trecker samt Anhänger zur Weide am Weserdeich. Ich staune nicht schlecht, als ich den 200-PS-Traktor fahren darf. Nach anfänglichem Zögern lasse ich die Kupplung kommen und rolle langsam los. Schnell merke ich, dass das wacklige Gefährt nicht für schnelles Fahren gemacht, sondern auf Kraft ausgelegt ist. In Kurven muss ich aufpassen, dass ich weit genug ausschere. Der erste Schlepper stand übrigens 1962 auf dem Hof des Seniors.

Die Kühe sind indes schnell eingefangen. „Manchmal kann das bis zu einem halben Tag dauern“, sagt Frerk Hespe lachend: „Das war jetzt im Gegensatz ein Paradebeispiel.“ Als ich mittags den Rückweg antrete, hat Frerk Hespe noch längst nicht Feierabend. Erst nach dem abendlichen Rundgang gegen 21 Uhr.

Obwohl es viele Landwirte in meiner näheren Umgebung gibt, habe ich mir über viele Dinge bis jetzt nie Gedanken gemacht. Meine Erkenntnis nach einem halben Tag Landwirtschaft ist, dass Hespe nicht nur Land-, sondern auch Betriebswirt ist. Denn wenn er nicht im Stall oder auf dem Feld ackert, kalkuliert der 40-Jährige wie ein Manager. Rund um die Uhr werden Frerk Hespe vom Computer Informationen zu den Kühen über ihre Milchleistung, Futterration oder Bewegung geliefert, die der Landwirt analysiert. Dass die Milchpreise dauerhaft niedrig sind, macht das Jonglieren mit den Zahlen nicht einfacher.