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Futtermittel-Skandal Weit mehr Höfe mit Giftfutter beliefert

Hannover/Oldenburg/Brake - Im Skandal um verseuchtes Tierfutter droht die Politik der Industrie mit Kontrollgebühren in Millionenhöhe. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) und Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) brachten am Sonnabend solche Gebühren für stärkere Kontrollen ins Gespräch.

Am Abend teilte das niedersächsische Landwirtschaftsministerium mit, dass weit mehr Landwirte von dem Skandal betroffen seien als bisher bekannt - korrigierte allerdings die zunächst genannte Zahl nach unten. Die niedersächsischen Behörden haben bei den untersuchten Milchproben nach eigenen Angaben bislang keine Auffälligkeiten entdeckt.

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Die Behörden stießen laut Ministerium auf ein weiteres Futtermittelunternehmen, das verseuchten Mais mit dem Schimmelgift Aflatoxin weitergeliefert habe. Damit steige die Zahl der betroffenen Betriebe vermutlich von 3560 auf 4467. Zuvor war von 6457 Betrieben die Rede gewesen. Diese Zahl sei jedoch auf Doppelnennungen hin überprüft und entsprechend korrigiert worden, hieß es.


40 Milchproben im Oldenburger Laves

Mit den amtlichen Kontrollen hatte das Land Niedersachsen am Sonnabendnachmittag begonnen. Im Lebensmittel- und Veterinärinstitut am Oldenburger Philosophenweg sind am Sonnabend die ersten 40 Milchproben eingetroffen. Übers Wochenende sollen die Laves-Mitarbeiter nachweisen, ob die Milch mit dem krebserregenden Schimmelpilzgift Aflatoxin belastet ist.

Weitere 40 Proben werden zeitgleich am Laves-Standort Hannover untersucht. Professor Dr. Eberhard Haunhorst, Präsident des Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Oldenburg, sagte am Sonnabend der NWZ: „Noch liegen uns keine Ergebnisse vor.“

Vertriebslisten verspätet beim Land eingereicht

Futtermittelhersteller hätten Vertriebslisten verspätet beim Land eingereicht, erklärte das Ministerium. Sie hätten die Unterlagen bereits am Dienstag abgeben müssen - drei Unternehmen hätten das aber erst am späten Freitagnachmittag getan.

Am Sonnabend seien 79 Milchproben untersucht worden. Der Grenzwert für das als krebserregend geltende Aflatoxin wurde laut Ministerium aber nirgends überschritten. Von bislang 19 amtlich untersuchten Futtermittelproben waren den Angaben zufolge jedoch 8 positiv, 11 lagen unterhalb des zulässigen Grenzwertes.

Zu möglichen höheren Gebühren für die Industrie sagte der niedersächsische Landwirtschaftsminister dem Magazin „Focus“, dass der Staat 30 bis 50 Millionen Euro im Jahr sparen könne, wenn die Kosten der Wirtschaft in Rechnung gestellt würden. Aigner warf den Herstellern Versagen bei den Eigenkontrollen vor.

Frühzeitig Hinweise

„Es gab frühzeitig Hinweise von verschiedenen Seiten, doch diese wurden offenbar ignoriert.“ Die zuständigen Länderbehörden müssten „deutlich schärfer als bisher“ überwachen, ob die Unternehmen ihre Pflichten einhielten. „Wenn die Bundesländer ausreichende Kontrollen nicht leisten können, liegt es auf der Hand, die amtlichen Kontrollen in Zukunft stärker als bisher durch Gebühren zu finanzieren.“

Der Bundesrechnungshof habe festgestellt, dass die finanzielle und personelle Ausstattung der zuständigen Stellen in den Ländern oft unzureichend sei, sagte Aigner. „Kontrolle nach Kassenlage, das darf nicht sein.“ Aigners Kollege aus Niedersachsen forderte im „Focus“: „Wir brauchen mehr staatliche Kontrollen und mehr Personal.“

„Erhebliche Schwachstellen bei Futtermittelkontrollen“

Foodwatch-Sprecher Martin Rücker sagte, der Bund habe es gescheut, die Futtermittelindustrie zu systematischen Kontrollen zu verpflichten. „Wir haben bei Futtermittelkontrollen erhebliche Schwachstellen, die eigentlich auch bekannt sind.“

Am Freitag war bekanntgeworden, dass aus Serbien importierter Mais mit einem krebserregenden Schimmelpilz vergiftet ist. Der Mais wurde auch an Rinder verfüttert. Das Pilzgift Aflatoxin gelangte so in Milch. Besonders betroffen ist Niedersachsen, wo Hunderte Milchbetriebe vorsorglich gesperrt wurden. Erste Laborergebnisse aus gezielten Untersuchungen in Niedersachsen sollten möglicherweise noch am Samstagabend vorliegen. Futtermittel mit verseuchtem Mais wurden auch an wenige Höfe und Betriebe in andere Bundesländer geliefert. Bio-Betriebe sind nach ersten Erkenntnissen nicht betroffen.

Recherche dauerte 14 Tage

Nach dem Alarm eines niedersächsischen Milchbauern aus dem Kreis Leer vom 5. Februar dauerte die Recherche nach Angaben des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums noch gut 14 Tage, bis eine Schiffsladung aus Brake (Kreis Wesermarsch) als Gefahrenquelle feststand. Am 22. Februar lagen demnach die Ergebnisse der amtlichen Tests vor, die eine Belastung der Sendung aus Serbien mit Aflatoxinen über der Höchstmenge belegten.

Michael Kühne von der niedersächsischen Kontrollbehörde Laves sagte, die bisher entdeckten Werte in dem verschimmelten und damit giftigem Futter seien viel zu gering, als dass daraus über den Umweg der Kuh am Ende in einer Milchtüte eine Krebsgefahr für die Verbraucher entstehe.

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