Sandfeld - Dutzende von Freunden, Kollegen, Nachbarn und natürlich die gesamte Familie steht geduldig am Sandfelder Ortseingangsschild. Dann endlich: Als sich kurz nach 18 Uhr ein langer Zug junger Männer – alle in der Kluft reisender Zimmerleute – laut singend dem Ortschild nähert, bricht bei den Wartenden ein unbeschreiblicher Jubel aus.

Dieser Jubel gilt Felix Freitag, jenem jungen Mann, der mit seinem Stenz (dem Knotenstock) über der Schulter schwer an den Bündeln der begleitenden Gesellen zu tragen hat. Nach vier Jahren auf der Walz kehrt der Zimmerergeselle Felix Freitag endlich zu seiner Familie zurück.

„Felix war schon immer unternehmungslustig“, sagt seine Mutter Jutta Freitag-Nolte. „Bereits als 16-jähriger Schüler ist er schon getrampt und nach seiner Ausbildung als Zimmermann stand für ihn ganz klar fest, dass er auf die Walz gehen würde.“

2011 bewarb sich der junge Mann um die Aufnahme im Schacht der „Freien Vogtländer Deutschlands“, die Gesellenzunft reisender Bauhandwerker, gegründet im Jahr 1910. Dort wurde der künftige Wandergeselle eindrücklich auf die Ernsthaftigkeit seines Vorhabens geprüft und schließlich aufgenommen.

Gekleidet in die maßgeschneiderte Kluft der „Freien Vogtländer Deutschlands“ mit Bündel, Stenz, dem goldenen Ohrring und der „Ehrbarkeit“ (die Handwerkernadel, die an der Staude, dem Hemd, befestigt wird), verabschiedete sich der damals 20-Jährige am 23. Juli 2011 im Kreis von Familie und Freunden. Dann wurde er von seinen Zunftkameraden abgeholt.


Beim Abschied am Sandfelder Ortsausgang musste Felix über das Straßenschild klettern und eine Flasche Schnaps mit Andenken der Freunde darinnen, unter dem Schild vergraben. Künftig durfte er sich seinem Heimatort nur bis auf 50 Kilometer nähern. „Es war ein furchtbar schwerer Abschied und nach den Zunftregeln durfte er sich nach dem Passieren des Ortsschildes nicht mehr umdrehen“, erzählt Felix’ Mutter, „aber irgendwann trat für mich ein Gewöhnungsprozess ein und wenn er sich alle drei oder vier Monate mal meldete und es ihm gut ging, war die Familie immer erleichtert.“

Seine ursprünglich geplante dreijährige Wanderschaft verlängerte der junge Mann auf vier Jahre. „Er wollte unbedingt in alle vier Himmelsrichtungen“, so Jutta Freitag- Nolte, Nach drei Jahren fehlte ihm noch der Osten. Und so zog es den jungen Mann, nachdem er durch Europa, Südafrika und Südamerika gewandert war, schließlich nach Vietnam. Die Mindestwanderzeit beträgt bei den „Freien Vogtländern Deutschlands“ zwei Jahre, kann aber je nach Wunsch der Wandergesellen verlängert werden.

Am Tag seiner Heimkehr musste Felix das Zunftritual – diesmal in umgekehrter Folge – noch einmal wiederholen. Das hieß: Er musste wieder rauf auf das Sandfelder Ortsschild. Nach dem unbequemen Kurzritt fingen ihn die Zunftgesellen mehr oder weniger sanft auf. Und dann war auch schnell ein Spaten zum Ausbuddeln der vor vier Jahren vergrabenen Schnapsbuddel zur Hand.