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Lebensmittel Weltrekord mit Sahne und Kluntjes

Karsten Krogmann

Im Nordwesten - Herr Kolthoff ist Ostfriese, „ein waschechter sogar“, wie er betont, und deshalb trinkt er jeden Abend vor dem Schlafengehen drei Tassen Tee. Morgens nach dem Aufstehen trinkt er wieder drei Tassen Tee, danach geht er zur Arbeit, um Tee zu trinken, meistens so 300 bis 400 Tassen. Egbert Kolthoff aus Leer, 53 Jahre alt, ist Teetester von Beruf.

Es liegt natürlich nicht nur an Herrn Kolthoff, aber Ostfriesland ist aktueller Weltmeister im Teetrinken: Knapp 300 Liter Tee trank jeder Ostfriese im Jahr 2011, mehr als die Konkurrenz in Kuwait (Platz 2 mit 290 Litern) und Irland (Platz 3 mit 257 Litern), und sehr viel mehr als der Durchschnittsdeutsche (26 Liter pro Kopf, Platz unbekannt). Es gibt nämlich ein starkes Nord-Süd-Gefälle beim Teekonsum in Deutschland: Während der Norden, allen voran in den küstennahen Regionen über Friesland und Wesermarsch bis nach Hamburg, mit den Ostfriesen einigermaßen Schritt hält, schwächelt der Süden.

„Tee?“, fragt Herr Kolthoff also in Leer, er hat eine Ostfriesenmischung aufgebrüht, wie immer gibt es bei ihm „Grünpack“ von Bünting, Kolthoff arbeitet ja bei Bünting. Eine ostfriesische Rose schmückt seine Teekanne, beim Einschenken knistern die Kluntjes, Kolthoff lächelt.

Im Museum

4749 Jahre vor Herrn Kolthoff saß der Legende nach Cheng Nung, der Kaiser von China, unter einem Baum, neben ihm stand ein Wasserkessel. Ein Windstoß wehte Blätter in den Kessel, das Wasser färbte sich grün, und als der Kaiser davon trank, schmeckte er ein angenehmes Aroma, so wurde der Tee entdeckt.

Sehr viel später, im 17. Jahrhundert nach Christus, kam der Tee dann nach Europa. Holländische Handelsschiffe brachten ihn aus den Kolonien mit, und weil auf den Schiffen immer viele ostfriesische Seeleute mitsegelten, gab es bald Tee in Ostfriesland. Er löste das Bier als Hauptgetränk ab, auf jedem ostfriesischen Ofen stand nun ein Treckpott, und wer noch mehr darüber wissen will, sollte mit Frau Zimmer in den Keller des Ostfriesischen Teemuseums in Norden gehen.

„Tee?“, fragt Anke Zimmer, 51 Jahre alt. Es gibt „Broken Silber“ von Thiele oder „Schwarzer Friese“ von Onno Behrends, sie weiß es nicht so genau, heute hat ihre Kollegin aufgebrüht. Die Kanne ist jedenfalls friesisch-blau, so will es der Brauch: dicker Bauch, ostfriesische Rose oder friesisches Blau.


Anke Zimmer, eine gelernte Hotelfachfrau, stammt aus Emden, Tee hat sie schon immer getrunken, na klar. Sie hat auch viele Bücher über Tee gelesen, nur in den Teegärten von Assam war sie noch nicht, „aber das kommt noch“, sagt sie. Jetzt kippt sie erstmal einen Kluntje in die Tasse, gießt heißen Tee darüber, es knistert, dann schippt sie Sahne hinterher, die Sahnekelle schwenkt sie dabei gegen den Uhrzeigersinn, „so halten wir die Zeit an“, erklärt sie. „Man trinkt mindestens drei Tassen“, sagt sie noch, ach ja, umrühren ist verboten.

Früher, erklärt Frau Zimmer, waren die Ostfriesen sehr arm, und wer seinen Tee nicht umrührte, hatte länger etwas vom Kluntje.

Heute sind die Ostfriesen nicht mehr so arm, aber eigenwillig. Deshalb trinken sie ihren Tee weiter so wie früher, und deshalb brauchen sie Leute wie Herrn Kolthoff, den Teetester: Ihre Ostfriesenmischung soll ja immer gleich schmecken, obwohl das eigentlich unmöglich ist.

Tester und Händler

Egbert Kolthoff knüpft in Leer seine Teetesterschürze zu, die neuen Proben sind da, er legt eine Tüte aus dem Teegarten Pengoree bereit und eine aus dem Teegarten Dejoo. Für eine Ostfriesenmischung nimmt man größtenteils indischen Assam-Tee, und für das „Grünpack“ braucht Bünting 25 bis 30 verschiedene Sorten. Das Problem ist, dass diese Teesorten immer verschieden schmecken und dass es häufig nur kleine Mengen zu kaufen gibt, „Partien“ sagen die Teehändler dazu.

Das macht die Teeproduktion so kompliziert: Wenn Kolthoff den bekannten „Grünpack“-Geschmack erhalten will, muss er ständig neue Partien kaufen, die den alten ähneln. „Das geht nur durch Probieren“, sagt er. Von Teetester zu Teetester wird das Wissen weitergegeben, Kolthoff, ein gelernter Kaufmann, gehört jetzt fast 30 Jahre dazu. Er drückt die Stoppuhr.

Pieppieppiep, der Tee ist fertig. Exakt fünf Minuten lässt Kolthoff seine Teeproben ziehen, dann eilt er von Tasse zu Tasse, probiert einen Löffel, spuckt aus, probiert den nächsten, spuckt wieder aus, von morgens 8 bis nachmittags 5 geht das im Sommer so. „Etwas rauchig“, sagt er über den ersten Tee, „zu bitter“ ist der zweite. Kolthoff sagt, er hat den Geschmack aller 30 „Grünpack“-Bestandteile auf der Zunge.

Drei, vier Teeproben stellt er zurück, „die könnten passen“, sagt er. Am Ende des Sommers muss Bünting rund 600 verschiedene Partien im Lager haben, um seine 1000 Tonnen Tee produzieren zu können. Kolthoff ist nicht nur Teetester, er ist auch Teekäufer: Er wird nun in Indien anrufen und einen Preis nennen, wenn es der richtige ist, bekommt er den Zuschlag.

Stabiler Markt

Das klappt nicht immer, Deutschland spielt auf dem Weltteemarkt bloß eine Nebenrolle; es nimmt nur knapp ein Prozent der Weltteeproduktion ab.

„Tee?“, fragt Frau Beutgen. Sie schenkt Ceylontee aus einer schlichtweißen Kanne ein, statt Kluntjes gibt es Tütchenzucker. Das hier ist nicht Ostfriesland, sondern Hamburg, Sitz des Deutschen Teeverbands, 70 Prozent der deutschen Teeimporte kommen über Hamburgs Hafen ins Land. Dr. Monika Beutgen, 50 Jahre alt, ist die Geschäftsführerin des Verbandes.

„Deutschland ist ein spezieller Markt“, sagt sie: Da ist der hafennahe Norden, wo man traditionell Schwarztee trinkt, und da ist der Süden, wo man Kräuter- und Früchtetees bevorzugt, wenn man überhaupt Tee trinkt. Insgesamt aber ist der Teemarkt seit Jahren stabil, was eine „starke Leistung“ ist, wie Beutgen finden: „Der Getränkemarkt ist ja erheblich in Bewegung.“

Aber auch der Teemarkt bewegt sich. New Yorker Restaurants bieten neben dem Espresso auch den „Double Wall Shot“ an, einen doppelten Assam. In deutschen Cafés kann man „Chai-Tee“ bestellen, einen Gewürztee. Und Luxushotels haben den „Five- O’Clock-Tea“ wiederbelebt.

Es gibt aber Leute, die Angst haben vor Tee, sagt Monika Beutgen in Hamburg. „Wir müssen ihnen zeigen, dass sie nichts falsch machen können: Tee ist ein individuelles Getränk, der eine mag es stark, der andere süß. Wir müssen den Leuten diese Vielfalt zeigen.“ Sie zeigt zur Tür, zwei Kilometer weiter hat das „Meßmer-Momentum“ eröffnet, eine Mischung aus Museum, Probierkontor und Teehaus, „da ist es immer voll“. Sie lächelt, auf dem Teemarkt passiert etwas.

In Norden verabschiedet sich Frau Zimmer, sie muss jetzt mit einer Besuchergruppe die Teezeremonie üben.

Und in Leer sagt Egbert Kolthoff, es gibt da ja noch ein anderes Heißgetränk, das recht beliebt sein soll in Deutschland, „der Name ist mir leider entfallen“. Lächelnd greift er zur Kanne mit der ostfriesischen Rose, „Tee?“

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